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Iran, Maku, Kilometer 5.264.
Nun sind wir in Persien. Doch ohne Dieselnachschub werden wir nicht weit kommen. Wir sind ratlos wo wir die Chipkarte erhalten, die wir zum Tanken benötigen. An mehreren Tankstellen fragen wir danach, jedoch ohne Erfolg. In Maku, der ersten kleinen Stadt nach der Grenze, halte ich völlig entnervt vor einer weiteren Tankstelle und sinke mit dem Kopf auf das Lenkrad. Es dauert keine drei Minuten, da klopft jemand an die Beifahrertür und fragt Esther: „Can I help you?“ Wir erzählen dem hilfsbereiten Iraner die Misere mit dem Tanken. Er schlägt vor, dass wir in sein Auto steigen und das Problem lösen werden. Da wir erst vor ein paar Tagen einen Bericht eines anderen Reisenden gelesen haben, der kurz hinter der Grenze von angeblichen Polizisten ausgeraubt wurde, zu denen er ins Auto stieg, sind wir vorsichtig. Wir erklären, dass wir gerne mit dem LKW hinterher fahren wollen, worauf er meint, dass dies zu lange dauern würde. Unser Misstrauen ist uns peinlich, doch nach dem anstrengenden, gestrigen Grenzübergang wollen wir kein Risiko eingehen. Schließlich fährt er doch voraus und wir folgen ihm. Leider kommen wir an der nächsten großen Tankstelle auch in Landessprache nicht weiter. Doch Behrouz, ein pensionierter Englisch Lehrer, meint optimistisch: „There is no problem.“ und fährt mit uns noch einmal zurück zur 25km entfernten Grenze. Diesmal steigen wir doch in sein Auto ein und lassen den LKW an der Tankstelle stehen.
Unterwegs fragt er uns, ob wir schon eine Versicherung für das Auto abgeschlossen haben und wir zeigen ihm den kleinen Versicherungsschein, den wir am Vortrag für 90 Euro erstanden haben. Er schüttelt den Kopf und fragt mich, warum ich so viel bezahlt hätte. Auf dem Schein würde stehen, dass er nur 45 Euro kostet. Meine Antwort beschränkt sich darauf, dass ich kein Farsi lesen kann und ein kleiner dummer Tourist sei. Das ist Behrouz ein Besuch des windigen Versicherungsmarklers wert. Dort bekommen wir natürlich nicht unser zu viel bezahltes Geld zurück, doch Behrouz ist hier ein bekannter Mann und wird ihm sein zukünftiges Geschäft vermiesen. Als wir das Büro verlassen kommentiert Behrouz kurz, „He was my studend, but now he is corrupt!“.
An der Grenze angekommen werden wir von einem Büro zum anderen geschickt, bis wir vom Chef der Grenzstation in seinem geräumigen Office empfangen werden. Wir fühlen uns geehrt, immerhin ist diese Grenze das Nadelöhr zwischen Asien und Europa. Dort bekommen wir unseren ersten iranischen Tee serviert, der hier ebenfalls Cay heißt. Er schmeckt etwas milder und wie wir finden noch leckerer als der türkische Tee. Dafür gibt es keine Löffel um den Zucker umzurühren. Hier legt man sich beim Trinken das Zuckerstück direkt in den Mund. So was will geübt werden, aber wir sind nicht zum Teetrinken gekommen.
Selbst diverse Telefonate mit Teheran helfen nicht weiter. Die Karte bleibt ein Mysterium. Aber Behrouz hat der Ehrgeiz gepackt, so schnell gibt er nicht auf. Wir steigen wieder in sein Auto. Zielstrebig geht es zurück nach Maku, wo wir den Chef einer Tankstellenkette treffen. Dort gibt es die zweite Runde Tee, aber keine Tankkarte. Soweit wir die Lage verstehen, heißt es in einem Schreiben aus Teheran, dass eine Tankkarte für Touristen ausgegeben werden soll, doch die Karten selbst sind an der Grenze nicht verfügbar. Daher kommt es auch, dass wir bei allen Tankstellen nach der Karte gefragt werden. Woher sollen sie willen, dass es an der Grenze zur Zeit keine Karten gibt.
Ein letzter Versuch endet vor den verschlossenen Toren des Bürgermeisters von Maku, doch es ist bereits zu spät unser Anliegen vorzubringen. Wir sind hungrig und laden Behrouz zum Essen ein. In einem Restaurant bekommen wir leckeren Kebab – noch wissen wir nicht, dass es der beste Kebab unseres Iranbesuchs gewesen ist.
Auf dem Rückweg zum LKW kaufen wir uns eine Iran Telefonkarte für unser Handy. Das lohnt sich, denn wir sind fast vier Wochen im Land und telefonieren ins In- und Ausland ist mit einem lokalen Netzanbieter weit aus günstiger, als mit meiner deutschen SIM-Karte.
iran_tankschlange.jpgZurück am LKW bedanken wir uns bei Behrouz für seine Mühe. Wenngleich vergeblich, hat er acht Stunden seiner Zeit für uns geopfert. Er wolle nicht nach Geld fragen, aber ein Souvenir für seine Kinder oder Frau wäre schön und bringt uns damit in Verlegenheit, denn Andenken oder Kinderspielzeug aus Deutschland haben wir nicht dabei. Wir schenken Ihm eine Weltkarte und ein günstiges Fernglas, das ich allerdings lieber einen Hirten oder Schäfer gegeben hätte.
Zum Abschied gibt Behrouz Esther noch einen Hinweis auf den Weg: „Don't cover yourself too much!“ und spielt damit auf Esthers nervöses Zupfen am Kragen an. Es ist der erste Tag im Iran und sie fühlt sich mit der Kleidervorschrift unsicher. Immer wieder hält sie sich den Kragen ihres Mantels zu, um ihren Ausschnitt zu verdecken und kontrolliert, ob das Kopftuch richtig sitzt. Auch der Hinweis, dass sie im Auto kein Kopftuch tragen müsse, lässt Esther aufatmen.
Wir tanken 40 Liter auf die Karte eines anderen LKW Fahrers. Ein Vorgehen, welches wir bei allen unseren Tankstops im Iran erfolgreich praktizieren werden, denn auch ein weiterer Versuch einige Tage später, an der Grenze zu Azerbaijan, wird uns keine Tankkarte bescheren.
Warum es keine Karten gibt, verstehen wir nicht – genau so wenig wie die Grenzbeamten bei unserer späteren Ausreise nach Turkmenistan, wo man uns zunächst nicht glauben will, dass wir keine Tankkarte zum Abgeben haben.
Der weitere Hinweis von Behrouz, dass wir uns den Umweg über Kroy, zum Abholen der iranischen Nummernschilder sparen können, kommt uns gerade recht. Er begründet dies damit, dass die Schilder gar nicht notwendig wären und nur einen Nachteil hätten: Die Polizei würde damit jede Gelegenheit nutzen uns wegen (angeblichen) Verkehrsdelikten Strafen aufzubrummen, die wir gesammelt bei Abgabe der Schilder an der Grenze zahlen dürften. Ob dem wirklich so ist, können wir nicht beurteilen. Fakt ist, dass wir weder im Land, noch bei der Ausreise, irgendwelche Probleme wegen eines fehlenden iranischen Nummernschilds bekommen.