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Zum Artikel: Gastfreundschaft 13.06.2009
Gastfreundschaft

Usbekistan, 90km vor Samarkand, Kilometer 9.437
 
Unsere ersten Tage in Usbekistan. Erfolglos suchen wir wieder nach idyllischen Stellplätzen für die Nacht - wie wir es uns zu Hause so schön vorgestellt haben.
Doch dabei lernen wir Farida kennen. Ein nette Studentin aus Bukhara. Sie zeigt uns mit Ihrer Freundin die schöne Stadt aus Eintausend-und-Eine-Nacht. Doch die 40°C im Schatten bekommt uns nicht gut und wir quartieren uns für eine Nacht in einem Hotel ein.

Auf der Weiterreise erleben wir, was es heißt, wenn Gastfreundschaft zu viel des Guten ist... 13.06.2009 - Usbekistan, 90km vor Samarkand, Kilometer 9.376

usbek_bukhara_1001night.jpgUnsere Einreise nach Usbekistan verläuft reibungslos. Die Leute sind freundlich zu uns, es werden keine Gebühren verlangt und beim Ausfüllen der kyrillischen Formulare wird uns geholfen. Nach nur 1,5 Stunden passieren wir den letzten Schlagbaum.
Die Straßen werden leider nicht besser und nach den beiden Grenzübergängen sind wir ziemlich fertig. Wir suchen nach einem Nachtplatz und stellen fest, das Usbekistan dichter besiedelt ist als Turkmenistan. Kein stilles Plätzchen, überall Menschen und Häuser.

Es wird bereits dunkel und wir fragen uns wieder, was wir hier überhaupt machen, was das für eine komische Reise ist. Ganz besonders das Nächtigen in der Natur war uns ein wichtiges Ziel unserer Reise.
Verzweifelt fahren wir auf eine Nebenstraße, die nach 15 Kilometer in einem Bogen wieder auf die Hauptstraße führt. Dazwischen ununterbrochen Häuser, Menschen, Autos. Wir müssen akzeptieren, dass wir der Zivilisation nicht entkommen können. Wir halten an und Esther fragt einen Passanten nach einer Möglichkeit zum Übernachten.

Wir werden 20m weiter auf einen Hof eskortiert. Zunächst Verständigungsprobleme, doch frische Aprikosen von der eigenen Plantage und eine Führung über das Anwesen sprechen für sich. Für usbekische Verhältnisse stellen die uns gezeigten Besitztümer  bereits einen gewissen Reichtum dar.
Farida wird per Telefon herbeigerufen. Sie ist 21 und lernt in der Schule neben Russisch auch Englisch, was sie sehr gut beherrscht. Natürlich werden wir wieder eingeladen. Wir fahren mit ihrem Onkel, dem Besitzer der Plantage und einem Freund der Familie in einem Minibus zu einem Restaurant. Es gibt typisches Essen: Fleischspieße. Diesmal ohne Reis, mit Zwiebel, Gurken und Tomaten.

usbek_bukhara_farida_omad.jpgWie Esther schon vorher befürchtete, bekomme ich einen Schnaps nach dem anderen angeboten. Ich schaffe es ein paar der Runden auszulassen, doch nach dem vierten Gläschen rede ich noch mehr, als ich es sonst schon tue.
Leider übersetzt unsere englisch sprechende Begleitung nur sehr wenig von unseren Erzählungen an die Gastgeber weiter und so frage ich, ob sie nicht gelangweilt seien, was sie vehement verneinen.
Unsere Runde endet mit der Frage, ob wir an Gott glauben. Eine schwierige Frage, die wir damit beantworten, dass wir nicht an eine Religion glauben, sondern falls es einen Gott gibt, man ihn immer und überall finden kann, egal welcher Religion man angehört. „Yes, god lives in your heard!“, bekommen wir als Antwort und mit dem hier gebräuchlichen Gottesdank, bei dem die Hände empfangend geöffnet und anschließend nach unten über das Gesicht gestreift werden, stehen wir auf und machen uns auf den Heimweg.

Dort angekommen, möchte Faridas Onkel, dass wir in seinem Haus schlafen. Erst nach einer kleinen Führung durch unsere luxuriöse 8qm-Wohnung können wir ihn überzeugen, dass wir alles haben was wir benötigen. Für den nächsten Tag hat er ein Auto organisiert. Farida soll uns die Stadt Bukhara zeigen.
usbek_bukhara_musicshop.jpgZusammen mit Faridas Freundin Omad streifen wir durch die Straßen Bukharas. Eine wunderschöne Stadt und verkörperte für uns den Orient schlechthin. Wie in Eintausend-und-Eine-Nacht reihen sich die historischen Gebäude der Altstadt aneinander, befinden sich Geschäfte in alten Gemäuern, Märkte auf altertümlichen Plätzen. Riesige Teppiche hängen an Häuserwänden zum Verkauf. Wir dürfen einen Blick in ein traditionelles Hamam werfen. In den feucht-heißen Räumen beschlägt mir sofort das Kameraobjektiv. Länger wollen wir hier auch nicht bleiben, bei Außentemperaturen von knapp 40°C schwitzen wir schon genug.
Wir durchstreifen einige Souvenir-Shops und kaufen unsere ersten Andenken. Das hatten wir uns ursprünglich verboten, da die Reisekasse so etwas nicht her gibt. Doch letztlich würden wir es sicher nach der Reise bereuen und wenn wir unsere neue Wohnung damit schmücken, werden Erinnerungen wach. Also haben wir uns ein Gesamtbudget festgelegt, welches wir dafür opfern dürfen.

usbek_bukhara_doll.jpgDer Hitze und Anstrengung scheinen wir am nächsten Tag Rechnung  zu tragen: Uns ist übel und wir haben unseren ersten Durchfall. Wir stehen noch immer auf der Aprikosenplantage. Dort verbringen wir den ganzen Tag im LKW und versuchen uns zu erholen, was bei 41°C Innentemperatur schwer fällt.
Auch am Tag darauf geht es uns nicht besser und so entschließen wir uns zum ersten Mal auf unserer Reise ein Hotelzimmer mit Klimaanlage zu mieten. Der dortige (teure) Laundry Service kommt uns gerade recht und lassen einen großen Sack Klamotten waschen.

Wir entscheiden uns am nächsten Tag weiter zu fahren. Es geht uns zwar nicht sonderlich gut, aber im Hotel rum zu hängen, ist auch nicht das was wir uns wünschen und außerdem können wir uns die 35$ pro Tag auch gar nicht leisten.
Zurück auf der Strasse ist unsere leichte Erholung schnell dahin. Ununterbrochen starre ich auf die Fahrbahn, die mit Schlaglöchern und riesigen Bodenwellen übersät ist. Zwar sehen wir durch unsere erhöhte Sitzposition etwas früher, wann wir ausweichen müssen, doch der Belag ist ein endloser Flickenteppich in vielen Grautönen und macht es einem schwer Farbflecks von Bodenwelle zu unterscheiden. So rutscht mir zuweilen ein Kraftausdruck über die Lippen, wenn es im Fahrerhaus wiederholt ordentlich scheppert.

usbek_bukhara_painter.jpg200 Kilometer später können wir nicht mehr. Das ständige Gehoppel bekommt unserem angeschlagenen Magen gar nicht gut. Meine Schmerzgrenze ist erreicht: „Wenn wir jetzt eine Panne haben, steig ich aus und lauf zu Fuß weiter! Jetzt bloß nicht noch eine Panne!“. Zwar sind meine Ängste unbegründet, das Fahrzeug wackelt brav weiter vorwärts, doch allein der Gedanke „Was-wäre-wenn?“ sitzt mir im Nacken – für eine Reparatur hätte ich nun sicher keine Kraft und Nerven.

„Ich kann bekomm' auch überhaupt nichts von der Landschaft mit. Ich glotz die ganze Zeit ununterbrochen auf die Straße!“, jammere ich. „Da gibt’s auch nicht viel zu Sehen.“, erwidert Esther. “Die Felder und Bäume sehen aus wie in Deutschland.“ Ein schwacher Trost.

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Wir brauchen wieder einen Platz zum nächtigen. Wieder stellt sich die Frage, ob wir einfach an der Hauptstraße vor einem Restaurant parken. Doch wir wollen unsere Ruhe und versuchen wieder „rechts abzubiegen“, wie wir uns das in Deutschland so schön ausgemalt haben. Esther hat bereits bedenken, dass wir wirklich unsere Ruhe finden, da es bisher jedesmal so war, dass wir eingeladen wurden und wir nur mit Mühe und Not uns von der Gastfreundschaft freischlagen konnten. Wir wollen einfach nur Schlafen. Doch die Gastfreundschaft wird hier ihren dramatischen Höhepunkt finden.
Wenig später stehen wir in einem kleinen Dorf auf einem Platz. Wir haben die Erfahrung gemacht, einfach nur warten zu müssen, bis etwas passiert. Unsere Ankunft bleibt natürlich nicht unbemerkt und einige männliche Dorfbewohner versammeln sich um unser Auto.

Ich steige aus und begrüße einen der Männer. Etwa 10 Männer umringen mich und ich erkläre das wir Touristen sind und woher wir kommen. Zunächst glauben Sie, dass wir uns verfahren haben und fahren nach einer Karte um uns den Weg zu zeigen.
Nachdem ich versichern kann, dass wir „absichtlich“ hier sind und einen Platz zum Schlafen suchen, werden wir um zwei Häuserecken geleitet und versuchen in eine Einfahrt eines Bauernhofs zu fahren. Doch die Äste eines großen Nussbaums verweigern uns die Einfahrt. Schnell ist die Axt zu Hand und nur durch Zurückfahren auf die Straße kann ich verhindern, dass unser bereits in den Baum gekletterter Gastgeber den Baum kleinhackt.
Wir sollen ins Haus kommen. Esther schaut mich ein wenig entnervt an: „Eigentlich will ich nicht. Das dauert doch wieder so lange und wir wollten doch nur einen Platz zum Schlafen.“ Doch wir folgen unseren Gastgebern und nehmen im Garten platz. Fotoalben werde herausgekramt. Stolz werden Bilder von Berlin gezeigt, wo eines der Familienmitglieder wohnt und arbeitet. Mittlerweile hat sich auch ein englisch sprechender junger Mann eingefunden.
Sie fragen was zu Essen gekocht werden soll. Doch selbst die Erklärung, dass es uns nicht gut geht und wir Ruhe brauchen, zählt nicht. Ich fühle, wie es mir immer schlechter geht. Auf der Fahrt schon zu wenig getrunken und durch den Durchfall bin ich nun halb ausgetrocknet. Nach Wasser zu fragen riskiere ich nicht, denn fließendes Wasser gibt es nur aus dem Brunnen. Esther entzieht sich der Szenerie mit meinen gesprochenen Gedanken: „Ich muss ins Auto, ich bin schon ganz ausgetrocknet!“. Ich kann noch nicht fliehen, werde ins Haus geleitet. Brot und andere Dinge, werden aufgetischt. Ich erkläre erneut, dass ich nichts Essen kann, trinke lediglich einen Tee.
Ein Handy wird mir in die Hand gedrückt. Am anderen Ende der Leitung ist Berlin. Das Familienmitglied aus Deutschland ist meine Rettung, denke ich, doch nachdem ich alles erklärt habe, bricht die Verbindung ab.
Erst kurz vorm Umkippen gelingt es mir, mich ebenfalls in unsere Wohnhöhle zu verkriechen.

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usbek_bukhara_hotel_detail.jpgMir fällt es unheimlich schwer Gastfreundschaft abzulehnen. Ein zaghafter Versuch scheitert schnell mit der Erklärung, dass wir keine Wahl hätten. Hierzulande wäre es eine Pflicht sich gegenüber Fremden gastfreundlich zu zeigen. Genauso kommt es uns allerdings manchmal vor: Als Pflicht.

Ebenso hatten wir öfter das Gefühl, dass Gastfreundschaft nicht immer der Hilfe wegen angeboten, sondern als willkommene Möglichkeit des Selbstzwecks genutzt wird, endlich mal was Neues zu Erleben und zu Hören. Verständlich, doch wenn dabei die tatsächlichen Bedürfnisse vollkommen ignoriert werden, fragen wir uns, ob von Gastfreundschaft noch die Rede sein kann.
Insgesamt sind wir aber natürlich außerordentlich froh, so viele nette Menschen auf unserer Reise zu finden – bei den Meisten kam die Hilfe von Herzen.