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Alp-Traum Weltreise ?! 23.06.2009
(Alp-)Traum Weltreise ?!

Beschtal, Kigirstan, Kilometer 10.411

Eigentlich dachten wir trotz unserer Pläne eine offene Einstellung für alles zu haben, was uns auf der Reise erwarten wird.
Tatsächlich hatten wir es uns in vielen Dingen anders vorgestellt und unsere Stimmung erreicht in Usbekistan an der Grenze zu Kirgistan ihren absoluten Tiefpunkt.

Wir überlegen ernsthaft die Reise abzubrechen, sofern sich in den nächsten Tagen nichts ändert.
Unsere Hoffnung liegt im nächsten Land: Kirgistan.

23.06.2009Beschtal, Kigirstan, Kilometer 10.411

Fast drei Tage stehen wir nun im Schatten der Bäume vor dem Restaurant in Bagdod. Zwar lässt es sich dort besser aushalten als in der Sonne, aber unsere Solarzellen liefern keinen Strom für unsere Batterien. 55% Restkapazität zeigt der Laderegler an. Eigentlich eine gute Bilanz. Wir hatten das Notebook lange in Betrieb und der Kühlschaft kämpft erfolgreich gegen die Hitze.

Bevor wir weiterfahren, besuchen wir noch mal die Nachbar-Familie, lassen uns Namen und Adresse geben und machen ein paar Fotos von Haus und Hof. Zum Abschied bekommen wir hauseigene frische Kartoffeln und Mandeln geschenkt. (s. letzter Bericht)


Nach fünf Kilometern stoppen wir am Basar von Bagdod. Der ist recht groß und wie immer pulsiert auf den Märken das echte Leben des Landes. Wir kaufen Gemüse und Eier, essen Schaschlikspieße. Alles sehr günstig. Auf Märkten bekommen wir die lokalen Preise und müssen keine erhöhte Touristenpreise fürchten. Feilschen ist hier meist unnötig und nicht immer angebracht.

usbekistan_way_to_farghana_valley.jpgAuf dem weiteren Weg zur Stadt Farghana, ein obligatorisches eMail-Checken in einem Internet-Cafe. In Farghana angekommen wollen wir noch einmal Dollar mit der Maestro-Karte abheben. Für unsere nicht organisierte China-Durchquerung werden wir sicher einiges an Geld benötigen. Die Asaka-Bank soll uns ein Abheben ermöglichen, sagt man uns. Doch wir sind zu spät dran und sollen morgen um 11:00 Uhr noch mal kommen.
Wir finden erneut ein Parkplatz vor einem Restaurant. Dort essen wir eine Kleinigkeit, doch Esther geht es nicht gut. Zwar hat sie keinen Durchfall mehr, dafür aber Kopfschmerzen und muss sich übergeben.


Am nächsten Morgen wache ich zum ersten Mal um 4:30 Uhr auf, stehen aber erst um 7:30 Uhr auf. Wir waschen und erfrischen uns im kalten Wasser einer Pumpstation direkt am Auto. Esther geht es besser und futtert Hefezopf vom gestrigen Bagdod-Basar.
Zurück in der Bank versuchen wir erneut unser Glück an Bargeld zu kommen. Geschlagene 2,5 Stunden stehen wir am Bankschalter. Vergeblich versucht man sich alle 10 Minuten bei der Zentralbank einzuwählen. Es gibt Verbindungsprobleme. Inzwischen macht mein Kreislauf schlapp, ich muss an die frische Luft. Esther hält die Stellung in der Bank, doch schließlich heißt es, wir sollen um 15:00 Uhr noch einmal kommen.


usbekistan_millionaire.jpgDie Zwischenzeit verbringen wir in der Stadt im LKW und versuchen ein wenig zu entspannen. Esther kocht eine Kleinigkeit, dann geht es wieder zur Bank. Wieder langes Warten vorm Bankschalter. Doch von der Asaka-Bank, bei der wir in Bukhara noch erfolgreich Dollar abheben konnten, erhalten wir hier leider kein Geld.


Fast 2.000km sind wir seid unserem letzten Tankstop in Mashhad gefahren und wollen unseren Dieselvorrat etwas erhöhen. Für 270.000 Som füllen wir 250 Liter in unsere Tanks. Das entspricht 0,43 Euro pro Liter. Freilich nicht so günstig wie in Iran, aber viel günstiger als in Deutschland und günstiger als wir budgetiert haben: Im Mittel haben wir mit 0,70 Euro pro Liter für die gesamte Reise kalkuliert.


Unsere Visa für Kirgistan sind erst in vier Tagen gültig und wir befinden nur eine Tagesetappe von der Grenze entfernt. Für die nächste Nacht finden wir etwas abgelegen, an einem Kornfeld ein ruhiges Plätzchen. Auf einem Acker arbeiten ein paar Bauern. Diese sind sichtlich verwundert, dass es hier Touristen gibt und zudem noch übernachten wollen, haben aber nichts einzuwenden.
Wir haben Hunger und Esther brät schnell Kartoffeln mit Ei. Rechtzeitig als das Essen fertig ist, steht die Polizei vor der Türe und ist der Meinung, dass wir hier nicht stehen bleiben können. Vielleicht sind wir nicht hartnäckig genug, aber nach einer kleinen Diskussion werden wir trotz Dunkelheit von unserem Stellplatz verscheucht. Der Polizist begleitet uns und meint wir müssen 40km bis Andjian fahren. Doch nach einem Kilometer hält er an einer geschlossen Tankstelle, klopft bei einem Haus nebenan an ein Fenster und kauft zwei PET-Flaschen Sprit, die er sogleich in seinen Tank schüttet. Diese seltsame und mit Sicherheit nicht legale Tankaktion nutzen wir, stellen uns in eine Ecke an der Tankstelle und erklären, dass wir mit unserer Flackerbeleuchtung in der Nacht nirgendwo hin weiterfahren.
Er meint wir dürften nur an einem Gasthaus in Andjian übernachten. Für was haben wir unser eigenes Hotel auf dem LKW? Wir bleiben stur. Ich bin ohnehin kurz vorm Ausrasten. Die Reise ist ein Drama. Keine Natur, überall Menschen, Straßen, Dreckluft und es ist heiß, heiß, heiß!
Trotz Straßenlärm und schlechter Laune pennen wir irgendwann ein. Doch um 3:30 Uhr kommt der Polizist noch einmal vorbei, um uns den letzten Nerv zu rauben. „Tomorrow!“ ruft er immer wieder lautstark. Was will der besoffene Sack nur von uns, frage ich mich und erst als ich „Yes! Yes! Tomorrow!“ zurück brülle setzt er sich in seinen alten Lada und verschwindet.


Vor zwei Tagen in Bagdod, dachten wir, dass wir endlich „ankommen“. Doch nun ein neuer Tiefpunkt. Nahezu jede Suche nach einem Stellplatz für die Nacht ist eine Tragödie. „Reise abbrechen!“, geht mir ständig durch den Kopf. Doch zu Hause gibt es keine Wohnung, kein Auto, kein Geld und Esther keinen Job.

Dazu kommt, dass wir viele Pläne für die Reise hatten. Zugegeben, hing diese Latte von Anfang an sehr hoch. Doch scheint sich rein gar nichts davon umsetzen zu lassen. Bereits in Iran wollten wir uns sozial engagieren und Hilfsprojekte begutachten oder sogar starten. Selbst bei den vier Wochen Aufenthalt war dies nicht im entferntesten denkbar. Dafür bedarf es in einem solchen Land Monate Zeit und am Besten zahlreiche bekannte Projekte und Kontakte im voraus. Doch die hatten wir nicht.

Und dann haben wir da noch eine umfangreiche Gleitschirmausrüstung im Gepäck. „Überall fliegen und außergewöhnliche Aufnahmen aus der Luft“ waren geplant. Außer Spesen bisher nichts gewesen – ganze zwei Mal kam ich zum Fliegen. Denn das Reisen mit einem Fahrzeug ist extrem zeitraubend. Auch wenn ich den LKW nicht jeden Abend in den Schlaf streichle, so muss schon ab und zu nachgeschaut werden, ob alles Wichtige in Ordnung ist. Und wenn sich ausnahmsweise ein schönes Plätzchen zum Verweilen findet, heißt das nicht, dass man dort auch fliegen kann oder darf. Zumal man sich erst mal Erholen möchte, statt direkt auf den nächsten Berg hoch zu latschen.
Mit den Fotos der Reise hatte ich vor eine Multivision-Show zu erstellen. Zwar gelingen mir immer wieder gute Aufnahmen, doch bin ich mir nicht sicher ob ich mit dem Bildmaterial auch eine Geschichte erzählen kann. Mit einem festen Ziel vor Augen zu fotografieren, ist der Kreativität ohnehin eher abträglich.

Esther hatte zwar keine so großen Pläne, ist mit der Gesamtsituation aber ebenfalls unzufrieden. Das Reisen hatte sie sich auch anders vorgestellt. Ihr ist das Leben in der Natur ebenfalls sehr wichtig, wollte Ihren Tagesablauf selbst bestimmen. Doch bestimmen die aktuellen Umstände wann was getan werden muss.



Wir fahren in die sehr langweilige kleine Stadt Andjian. Im Internetcafé vertreiben wir uns die Zeit. Ich schreibe im Allrad-LKW-Forum einen Beitrag: „Wenn der Traum vom Reisen lieber einer bleiben sollte.
Gleich neben dem Internetcafé gibt es ein Restaurant. Dort bekommen wir erneut Knatsch serviert. Es ist heiß wie in der Wüste. Aus Frust kaufe ich ein Eis. Doch Kühlkette unterbrochen. Schon mal geschmolzen. Freiflug in die Büsche.
Wir hängen im LKW rum und schauen „Supernatural“, eine US-Serie mit Geistern und Dämonen. Passt hervorragend zur Stimmung.

Noch einmal Internet. Im Forum gibt es bereits viele Antworten zu meinem Posting. Wir sind überrascht von der überwiegend positiven Teilnahme. Viele schreiben ihre eigenen Erfahrungen, geben Tipps und laden uns sogar ein, auf der Rückreise bei Ihnen vorbei zu kommen und zu relaxen.

Wir verlassen die Stadt und Anjian verabschiedet uns mit dem übelsten Gestank, den wir bisher hatten. Es stinkt unglaublich nach Abgasen, verbranntem Müll und Plastik. Die Luft ist grau.

Irgendwo im nirgendwo, bei einer kleinen Häuseransammlung, wollen wir auf einem Platz nächtigen. Wir laufen einige Meter die Straße auf und ab, checken die Lage. Beim Vorbeigehen packt mich plötzlich jemand am Arm. Erschrocken-aggressiv frage ich: „What's up!?“ Woher wir kommen, will der Mann wissen. „Germany!“, anworte ich. Eine seltsame Art haben die Leute hier am Leib. Freiwillig will man hier nicht stehen, doch es ist bereits dunkel, eine Weiterfahrt scheint sinnlos. Im Dunkeln findet man ohnehin keine guten Stellplätze.

Ums Auto schleichen dunkle Gestalten und unterhalten sich über unser Fahrzeug. Um 22:00 Uhr klopft es an der Tür. Erneut werden wir von der Polizei eingesammelt. Der ist als solcher aber vorerst nicht erkennbar, betitelt sich allerdings als „Inspektor“ und die Umstehenden als „Bandits!“. Wir sollen Ihm mit dem Auto folgen. Direkt in der Nähe wäre ein sicherer Platz. Esther traut dem Mann nicht, doch ich traue dem Stellplatz nicht. 50m weiter werden wir durch ein Tor in einen schäbigen Hof geleitet, einer Mischung aus Acker und Müllhalde. Nebenan haust der Inspektor in einem kleinen Räumchen.
Esther mag es gar nicht, dass wir hier hinter dem Tor eingeschlossen sind. Ich beruhige sie ein bisschen damit, dass das Tor für unser Fahrzeug im Notfall kein Hindernis darstellt. Wir bleiben. Doch auch auf dem Hof ist die ganze Nacht über immer wieder Palaver und lässt mich schlecht schlafen.

Am nächsten Morgen kommen wir erst mal nicht vom Hof, weil das Tor geschlossen ist und der Polizist nicht da ist. Uns wird vermittelt, dass wir warten sollen bis er da ist, doch nach geduldigen 30min öffnen wir das Tor selbst und sagen „Tschüss!“.


Wir bummeln auf Nebenstraßen weiter durchs ländliche Farghana-Valley. Drei Kilometer vor der Grenze verbringen wir im kleinen Dorf Beschtal die letzten 2 Tage in Usbekistan. Intensiv erleben wir noch einmal die Gastfreundschaft der ländlichen Bevölkerung.
Leider bekommen wir dort in der Nacht unsere Nebelscheinwerfer und einen Außenspiegel geklaut.


Trotz des im Großen und Ganze schönen Abschluss Usbekistans in Beschtal, ist unsere Stimmung auf dem Tiefpunkt. Vor allem das einsame Stehen in der Natur vermissen wir am meisten. Eigentlich ist nichts Einzelnes ausschlaggebend für unsere schlechte Laune, es ist das ganze Drumherum. Für jemanden, der es nicht selbst erlebt, ist es kaum nachvollziehbar - mit zeitlichem Abstand sicherlich selbst für uns kaum zu verstehen - doch aktuell haben wir die Nase gewaltig voll. Wir brauchen endlich einmal Ruhe und eine Umgebung nach unseren Wünschen.
Wir hoffen auf Kirgistan! Freund von uns waren bereits zum Gleitschirmfliegen dort und auch aus dem Allrad-LKW-Forum wurde uns Hoffnung gemacht, das dort alles besser wird. Falls nicht, planen wir eine Route zurück nach Deutschland.

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