Ein Problem – und alle wollen helfen.

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Iran, Absard, Kilometer 6.364

iran_absard_aussicht.jpgAuf unserem Weg nach Tehran kommen wir am Sefid Rud Stausee vorbei. Auf dieser Passhöhe pfeift der Wind so stark, dass es den LKW hin und her schüttelt. Wir legen einen kurzen Stopp ein und lassen uns kräftig den Wind durch die Haare pusten. Zahlreiche Windkrafträder belegen, dass dieses stürmische Wetter hier wohl zur Regel gehört.

Am nächsten Tag erreichen wir Tehran. Es ist 31° und die Luft steht. Da wir nichts zu erledigen haben, beschränkt sich unser Großstadtausflug auf einen Spaziergang durch ein Universitätsgelände und der Besuch eines Restaurants, das in unserem Reiseführer empfohlen wurde. Doch aus den erhofften Gaumenfreuden wird leider nichts. In wenig reizvoller Atmosphäre bekommen wir wieder nur Kebab und Khorescht, ein Linsengericht, welches (hier) leider nach nichts schmeckt.

Uns ist es zu heiß in der Stadt und wir versuchen Richtung Osten in die Berge zu flüchten. Wir übernachten in einer kleinen Seitenstrasse eines Dorfes, wo sich Kinder in der Nacht einen Streich erlauben. Wild hämmern Sie gegen die Koffertüre und rennen weg, so dass auch Esther, aus ihrem all nächtlichen Winterschlaf aufschreckt. „Schellekloppe“ für Globetrotter.

iran_absard_esther_waesche.jpgAm nächsten Tag finden wir einen schönen Stellplatz auf einem Hügel über der Stadt Absard. Dort befindet sich gerade ein Ausflugsgelände mit vielen Pavillons im Bau, wie wir sie oft in der Türkei sahen. Die Straße endet auf der Spitze der Anhöhe, wo sich eine Wasserpumpstation befindet. Frisches Wasser sprudelt aus einem Hahn, wir haben eine schöne Aussicht und die Luft in 2000m über Meer ist angenehm frisch. Was braucht man mehr?

Drei Tage bleiben wir auf diesem Ausguck. Esther kümmert sich um die Wäsche, ich mich um den Innenausbau, der hier endlich sein Endstadium erreichen wird. Ich schließe den Boiler an eine elektrische Schaltung, die vollautomatisch dafür sorgt, dass bei vollen Batterien die Sonnenenergie zur Warmwasser-Erzeugung genutzt wird. So können wir unsere üppigen 850 Watt Solarleistung sinnvoll nutzen. Denn trotz Notebook, Wasserpumpe, 230V-Spannungswandler, Kühlschrank und weiteren Stromverbrauchern sind die Batterien meist schon am Vormittag wieder bei 100% Ladezustand. Bisher war der Boiler ausschließlich im Wasserkreislauf der Eberspächer Dieselstandheizung eingebunden, die wir bei den derzeitigen Außentemperaturen natürlich nicht in Betrieb haben.
Im Fahrerhaus klebe ich unsere Haverkamp Splitter- und Sonnenschutzfolien ein. Letztere Eigenschaft werde ich vor allem in den nächsten Tagen in der Wüste noch zu schätzen lernen.

Wir bekommen Besuch. Ein Feuerwehrauto nähert sich unserem Ausguck. Drinnen sitzt zu meiner Verwunderung Bahram, ein Feuerwehrmann aus Absard, den wir auf der Suche nach einem Stellplatz bereits in der Stadt kennen gelernt haben. Er muss uns von der Stadt aus auf dem Hügel entdeckt haben. Er fragt ob alles in Ordnung sei, will uns Hilfe anbieten, zum Essen einladen – das ganze Programm iranischer Gastfreundschaft. Er versorgt uns schließlich mit Kartoffeln, Gurken, Thunfisch und Cola. Wieder einmal gelingt es uns nicht, wenigstens die Waren bezahlen zu dürfen.

iran_absard_leben_im_chaos.jpgIch führe die regelmäßige technische Sichtkontrolle am LKW durch und stelle fest, dass einer der hinteren Trommelbremsen feucht ist. Als Bahram noch einmal nach unserem Wohlbefinden schaut, erkläre ich routiniert in Zeichensprache, dass wir eventuell eine Werkstadt benötigen und folgen ihm zurück in die Stadt.
Dort halten wir auf der Straße vor der kleinen Feuerwehrleitstelle von Absard. Es findet sich ein Englischlehrer ein, der mir erklärt, dass es zwar keine Werkstatt gäbe, aber in zwei Stunden ein Mechaniker vorbeikommt. Also fange ich an das Rad selbst zu demontieren. Etwa zehn Männer sind inzwischen am Tatort und wollen mehr oder weniger alle helfen. So konzentriert sich meine Arbeit immer mehr darauf, die Lage unter Kontrolle zu halten. Auch Esther versucht die Männer von irgendwelchen Aktionen abzuhalten, während ich im Fahrzeug nach Werkzeug suche.

Einer der Männer versucht das 130kg schwere Rad alleine von den Achse zu ziehen und will sich dabei nicht helfen lassen. Als er schließlich so am Rad reißt, dass er dabei den Planetengetriebedeckel mit abzieht, greife ich energisch ein. Doch jeder weiss es besser als ich und alles sei kein Problem. Auch als wir die Bremstrommel abziehen und eine total verschmierte Bremsanlage zum Vorschein kommt, wird mir von einem selbsternannten Mechaniker vermittelt, dass doch alles in Ordnung wäre. Darauf muss ich ironisch laut Lachen und meine, dass eine Bremse vielleicht in Iran so aussehen darf, bei mir aber nicht. Die Bremswirkung dürfte in diesem Zustand gegen Null gehen. Ich gehe auf Ursachenforschung. Ein Lecken der Bremszylinder schließe ich aus, da ich alle Zylinder noch vor Abreise austauschte. Außerdem ist es dort trocken.

Während ich mit einer Dose Bremsenreiniger den Schleim von der Bremse sprühe und mich frage woher der kommt, werden mir von der umstehenden Menge unsinnige Ratschläge erteilt. Im Gewusel der Menschen steigt ausgerechnet Bahram ins Fahrerhaus und tritt plötzlich kräftig auf die Bremse, was bei demontierter Bremstrommel tunlichst vermieden werden sollte. Die Bremse hängt sich komplett aus, Bremsflüssigkeit läuft aus dem Zylinder. Im schlimmsten Fall  sind nun die Manschetten des neues Zylinders zerstört. Ich schreie „No!“ und rege mich tierisch auf. Bahram ist die Aktion peinlich, doch vom Englischlehrer, der mich ohnehin mit seinem mittelmäßigen Englisch ständig verbessern will, bekomme ich erklärt, „You are to sentimental!“.
Mit dem letzten Rest Selbstbeherrschung versuche ich zu erklären, dass dieses Fahrzeug für uns weit aus mehr bedeutet als ein Kieskipper von der nächsten Baustelle und von dessen Zustand unsere Gesundheit und Wohlbefinden abhängt. Wir können nicht so lange ein sichtbares Problem ignorieren bis es irgendwann, irgendwo eine Weiterfahrt verhindert – eine in diesen Ländern allgemein gängige Praxis.

Der Englischlehrer zieht mich ein Stück von den anderen Männern weg, „You should be silent now. The people only want to help you.“ erklärt er. Und wenngleich mir seine Art wie er mit mir spricht nicht gefällt, hat er Recht. Die Leute wollen wirklich nur helfen und das ich hier so rumbrülle, gehört sich schon mal gar nicht. Also mäßige ich meinen Tonfall und erklären ihm, das ich es wirklich klasse finde, dass alle Leute helfen wollen, doch genau genommen keine große Hilfe darstellen.

iran_absard_feuerwehrwache.jpgMit vereinten Kräften schaffen wir es die Bremse wieder einzuhängen und die Stösel des Zylinders in die richtige Position zu bekommen. Mit telefonischer Unterstützung aus Deutschland gehen wir alle möglichen Fehlerquellen durch, doch erst einmal kann ich nur die Bremse reinigen, damit sie wieder ihre Wirkung erzielt und  alles wieder zusammen bauen. Ich werde die Bremse weiter beobachten und das Rad zur Kontrolle demnächst noch einmal demontieren.

Für eine Weiterreise ist es schon zu spät. Wir entschließen uns die Nacht vor der Feuerwache zu verbringen. Bahram hat Bereitschaftsdienst und versorgt uns mit Tee und wir leihen ihm ein paar DVDs, die er und seine Kollegen gerne mit uns gemeinsam in der Wache schauen möchte. Doch „Law of Attraction“ und „Cashback“ kennen wir schon und was wir viel mehr brauchen ist Ruhe. Doch die bekommen wir leider nicht. Immer wieder klopft es an der Türe, mal steht Bahram davor, mal die Polizei, die uns mittlerweile auch entdeckt hat. Letztere scheint uns wirklich den letzten Nerv rauben zu wollen. Zunächst der obligatorische Visa- und Ausweis-Check. Doch wenig später, „Tock-Tock-Tock!“, stehen die beiden Polizisten wieder vor der Türe. Nun wollen sie von allen Dokumenten eine Kopie: Alle(!) Seiten der Reisepässe, Führer- und Fahrzeugschein. Nützlich, dass wir unseren Multifunktionsdrucker dabei haben, mit denen ich die gewünschten Duplikate erstelle. Ich überreiche den beiden die Kopien und damit sollte es nun genug sein. Doch weit gefehlt, etwa 20 Minuten darauf, „Tock-Tock-Tock!“. Nun wird die Sache etwas beängstigend, denn wir sollen zur Polizei mitkommen. Die beiden können kein Wort englisch, was die Kommunikation erschwert. Mir schießt ein Satz der letzten eMail meiner Schwester Maike durch den Kopf, „…wie schnell man in Iran für Nebensächlichkeiten ins Gefängnis kommen kann…“.

Während unserer Verständigungsversuche steht mir Behram zur Seite. Das hilft zwar wenig bei der Kommunikation, denn auch Behram kann kein Englisch, doch stellt er für mich ein moralischer Beistand dar. Esther bleibt im Bett und lauscht dem Geschehen durch das offene Fenster.
Der Hintergrund, zur Polizeiwache mit zu kommen, klärt sich jedoch schnell. Man sei besorgt, dass es hier auf der Strasse nicht sicher für uns sein. Ich erkläre, dass ich hier vor der Feuerwehr doch super aufgehoben bin, was Behram seinerseits bestätigt.
Das Hauptproblem scheint jedoch ein Vorgesetzter der Polizisten zu sein, mit dem die beiden ständig telefonieren. Immer wieder bekomme ich das Mobiltelefon in die Hand gedrückt, doch auch der Kollege am anderen Ende der Leitung spricht nur Wörterbuch-Englisch. Irgendwann nach Mitternacht überreden wir auch den Polizisten am Telefon, dass wir stehen bleiben können.

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns von der Feuerwehrmannschaft und brechen auf. Die Aktion mit den Bremsen und der Polizei hat uns Nerven gekostet. Was das Helfen anbelangt, so befindet man sich im Zwiespalt, wenn einem alle Helfen wollen und man verzweifelt versucht zu vermitteln, dass diese Art von Hilfe nicht zielführend ist. Die Menschen in diesem Land empfinden es quasi als Pflicht bei einem Problem zu helfen, ob sie es tatsächlich können ist hierbei nebensächlich. Hilfe abzulehnen verursacht Unverständnis und Enttäuschung. Doch die Beziehung eines Overlanders zu seinem Fahrzeug ist nahezu unmöglich zu vermitteln. Wir haben daraus gelernt ein zukünftiges Problem erst gar nicht anzusprechen, sondern werden versuchen es erst einmal selbst in den Griff zu bekommen.
Das uns die Polizei ausgerechnet in der gleichen Nacht den Schlaf raubt, ist schlichtweg Pech. Im Nachhinein wundere ich mich, dass ich dabei so gelassen blieb, denn genervt war ich ohne Ende. Letztlich mag es am bedachten Verhalten gelegen haben, dass unserem Wunsch nachgekommen wurde und wir wenigsten an Ort und Stelle die Nacht verbringen konnten.

Wir kaufen uns noch schnell frischen Brot und befinden uns bereits auf dem Weg nach Süden, Richtung Yazd – zum ersten Mal in die Wüste!

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Welcome to the beach und endlich Fliegen!

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Iran, Giesum Beach am Kaspisches Meer, Kilometer 6.007

iran_strand_lkw.jpgIch dachte am Strand von Choubar Talesh endlich mal die Gleitschirmausrüstung auspacken zu können, die wir schon seit unserem Tandem-Flug in Österreich hunderte Kilometer nutzlos durch die Landschaft schaukeln.
Yazer, unsere Bekanntschaft aus Choubar Talesh, erklärt, dass wir zwar fliegen können, fragt aber gleichzeitig, wie lange wir brauchen um alles zusammen zu packen, wenn man gelandet ist. Wieso er das wissen will, wird mir schnell klar, denn verboten sei es nicht, mit dem Gleitschirm herum zu fliegen, aber explizit erlaubt sei es auch nicht.
Das liegt daran, dass solche Hobbys in Iran eher selten sind. Würde ich hier fliegen, käme es am Strand zum Volksauflauf, bei der sicherlich die Polizei mit von der Partie ist und die wäre mit der Rechtslage überfordert. Da kann einem dann alles blühen, tendenziell eher nichts Gutes.
Eine andere Herangehensweise wäre das Einholen einer Genehmigung zum Fliegen. Da aber erst mal jemand gefunden werden muss, der es auf seine Kappe nimmt, eine Erlaubnis zum Fliegen zu erteilen, ist Behördenjogging vorprogrammiert.

iran_strand_wasserbueffel.jpgYazer gibt uns den Hinweis, dass 60km weiter auf einem öffentlich Strand solche Aktivitäten durchgeführt werden. Das hört sich sehr nach einer Touristenecke an. Das dort tatsächlich Gleitschirm geflogen wird, glaube ich dennoch nicht. Wir machen uns auf, um die „Giesum Beach“ zu finden, dessen Ausschilderung wir wenig später folgen. Die schmale Straße führt uns durch einen Auwald. Wir kommen uns nicht vor wie im Iran, sondern eher in der Rheinebene.
Kaum verlassen wir den Baumbestand, durchfahren wir die Pforte der abgegrenzten Strandanlage. Diese scheint ihre touristischen Glanzzeiten schon länger hinter sich zu haben. Viele der Bungalows stehen leer und zerfallen langsam. Der Anblick ist nicht ungewöhnlich. Eigentlich schon seit dem wir Österreich verlassen haben, scheint es Usus alte Gebäude einfach sich selbst zu überlassen, statt sie abzureisen.

Zwischen diesen Bungalos, die wohl mal als Übernachtungsmöglichkeit dienten, und dem Meer reihen sich viele kleine Buden. Mit Teppichen und Kissen ausgelegt Podeste laden zum Chillen ein. Die Wasserpfeife, Shisha genannt, gehört beim Entspannen so selbstverständlich dazu wie der Tee. Doch Gäste sieht man kaum, es ist wenig los.
Wir fahren mit dem LKW einfach gerade aus und kommen kurz vor den Wellen zum Stehen. Es ist, als würde jeden Moment eine Fähre aus dem Nichts auftauchen, uns Aufnehmen und eine Weiterfahrt ermöglichen. Eine ganze Weile sitzen wir noch im Fahrerhaus und genießen den Blick in die Unendlichkeit.

jan_groundhandling_naja.jpgDoch schnell sind unsere Gedanken wieder bei den Standardfragen. Können wir hier stehen bleiben? Ist es hier sicher? Was für Leute treiben sich hier Nachts wohl rum?

Ein paar Jugendliche, vertreiben sich mit lautstarker Musik im Auto ihre Freizeit. Ich male mir aus, wie sie in der Nacht zu einer Meute Besoffener werden und unser auffälliges Fahrzeug als willkommenes Opfer für etwaigen Vandalismus her halten muss. Diese, vielleicht nicht völlig bei den Haaren herbeigezogenen, aber dennoch recht unwahrscheinliche Überlegungen lassen mich – wieder einmal – nicht sonderlich gut schlafen. Zwei-, dreimal, wache ich auf und meine Geräusche zu hören, die auch tatsächlich durch nächtliche Strandbesucher verursacht werden, die zum Teil um unser Fahrzeug streunen. Randaliert wird jedoch nicht.

Ich mache mir zu viele Sorgen was Nachts alles passieren könnte,  aber auch am Tag, beim Fahren, sind meine Gedanken oft beim LKW und was dort den Geist aufgeben und zu schwierigen Problemen führen könnte.
Von außen betrachtet gehört mir eine geklatscht und gesagt, „Mensch, mach Dich locker! Genieße den Urlaub und hör auf Dich unnötig zu stressen“. Wenn das mal so einfach wäre.

Am nächsten Tag parken wir um und stellen uns ans Ende des umzäunten Geländes vor ein Kiosk. Wir bauen ein wenig Kontakt mit den jungen Besitzern auf, fühlen uns etwas sicherer und verbringen schließlich noch drei weitere Tage dort.
Endlich komme ich dazu die Motorschirmausrüstung auszupacken. 20km fliege ich an der Küste entlang und bestaune die Landschaft von oben. Unzählige Reisfelder reichen bis fast ans Meer. Dahinter die steil aufsteigenden Berge, die für dieses feucht-warme Klima verantwortlich sind. Menschen auf den Feldern und am Meer winken mir zu. Ich genieße es endlich wieder in der Luft zu sein.

Auf dem Rückflug, kurz vor Erreichen des Strandes, gebe ich noch einmal Gas und gewinne rasch an Höhe – zur Sicherheit, denn ich steuere auf die offene See hinaus. Unter mir tanzen winzige Schaumkronen. In einem großen Bogen fliege ich zum Strand zurück und kurve ein paar extra Manöver für die schaulustige Menge, bevor ich heil auf den Boden zurückgleite. Budenbesitzer und Strandbesucher sind gleichermaßen an meinem Fluginstrument interessiert. In Deutschland erlangt das Motorschirmfliegen immer größerer Beliebtheit, in Iran ist es der absolute Ausnahmefall. Zumindest hier am Strand war es sicherlich eine Premiere.

Noch am gleichen Nachmittag brechen wir nach Tehran auf. Auf der Höhe von Rasht nehmen wir Kurs über die Berge nach Süden.

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Begegnungen am Kaspischen Meer

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Iran, Choubar Talesh bei Astara, Kilometer 5.814

iran_kaspisches_meer_reisfelder.jpgAuf den letzte Kilometern unser Route zum Kaspischen Meer überqueren wir die Gebirgskette, die den Küstenstreifen vom restlichen Iran trennt. Vor dem Gebirge herrscht sehr trockenes Klima. Es ist heiß, der Boden ist karg und wenig Bewachsen. Wo dennoch Pflanzen zu sehen sind, befinden sich meist Bewässerungsanlagen. Die Landschaft ändert sich schlagartig, als wir den höchsten Punkt, einen Tunnel in über 2.200m Höhe durchqueren. Aus dem Dunkeln des Tunnels kommend, blinzeln wir einer saftig grünen, fast jungelartigen Vegetation entgegen. Ab hier geht es innerhalb weniger Kilometer nur noch abwärts bis zum Meer. Auch die einheimische Bevölkerung hat die Natur für sich entdeckt und picknickt überall an den Hängen der Berge. Leider ist auch das Umweltbewusstsein der Iraner nicht sonderlich ausgeprägt. Oft sitzen sie umgeben von leeren Plastikflaschen und anderem Müll. Der Anblick schmerzt und passend an dieser Stelle muss ich meinen anfänglichen Einruck über die Sauberkeit in der Türkei leider revidieren. Von Westen nach Osten gab es immer mehr Müll in der Landschaft zu beklagen. Müllbeseitigung auf asiatisch heißt Abfallsammlung in Metallbehältern und allabendliches Anzünden derselbigen, was zu einem denkbar ekelhaften, beißenden Gestank führt, der uns leider auch in den nächsten Wochen immer wieder verfolgen wird.
Wir rätseln ein wenig, warum die Iraner so weit hinauf in die Berge fahren um mit Ihren Familien im Grünen zu sitzen. „Gibt es denn am Meer keine schönen Plätze?“, hadern wir. Auf Meereshöhe angekommen, genauer gesagt ein wenig tiefer, denn das Kaspische Meer liegt 28m unter dem Meeresspiegel, scheint sich das Rätsel zu lüften. Es erwartet uns ein Anblick wie ich ihn mir in Vietnam vorstelle. Auf dem Streifen zwischen den steil ansteigenden Bergen und dem Meer befindet sich auf einer Breite von wenigen hundert Metern bis mehreren Kilometern Reisefeld an Reisefeld. Alles steht unter Wasser und wer mag schon ein Picknick in knietiefem Naß?

iran_kasp_meer_fischer.jpgWir suchen intensiv eine Straße, die uns bis ans Meer führt. Was sich als gar nicht so einfach herausstellt, denn als wir einen kleinen Weg finden, wird dieser immer enger und holpriger. Ein Einheimischer weist und schließlich den Weg und plötzlich stehen wir auf einem sandigen Strand am Meer. Wir sind uns unsicher ob man hier baden darf, da wir niemanden schwimmen sehen. Die Entscheidung wird uns schnell genommen, denn lange bleiben wir nicht unentdeckt und werden mit Fragen gelöchert. Routiniert mit Händen und Füßen erklären wir woher wir sind, was wir machen und was es mit diesem ungewöhnlichen Fahrzeug auf sich hat. Es dämmert bereits und mittlerweile halten uns etwa zehn Männer und Jugendliche auf Trab. Ein Fischer holt seine Tocher und schickt Esther zu ihr hinter eine kleine Fischerhütte zum Englisch üben. Doch die Fischerstocher ist nicht gerade gesprächig und außer einen kleinen Monolog seitens Esther findet kein Austausch statt. Merkwürdige Szene, doch ähnliche Situationen werden wir auf der weiteren Reise noch öfter erleben.
Doch es dauert nicht lange und es findet sich ein sehr gut englisch sprechender junger Mann ein. Er erklärt uns, dass wir heute Nacht besser nicht hier stehen bleiben sollten. Gefährlich wäre es zwar nicht unbedingt, aber man würde uns auch nicht in Ruhe schlafen lassen. Er bietet an, vor seinem Haus nächtigen zu können und so folgen wir seinem Motorrad auf einem kleinen Pfad.
iran_yazer_mit_frau.jpgLangsam schaukeln wir durch die Dunkelheit und ich versuche konzentriert die ganz üblen Löcher zu umfahren. Plötzlich sehe ich im Augenwinkel etwas aufblitzen. Schlagartig wird mir klar was gerade passiert sein muss. Wir sind an einem Stromkabel hängen geblieben, welches gerade durchgerissen ist. Yazer meint, da wäre nichts passiert, doch Augenblicke später kommt ein aufgebrachter Mann aus dem anliegenden Grundstück gerannt. Ich laufe ihm entgegen und entschuldige mich mehrfach für das Malheur. Yazer und der Kabeleigentümer diskutieren in Farsi. Ich biete an, das Kabel bei Tageslicht reparieren zu können, doch ich bekomme erklärt, dass dies nicht das Problem sei. Vielmehr wüsste man nicht, wie man die Leitung stromlos bekommt. Es müsse doch eine Sicherung geben, gebe ich zu verstehen, doch damit liege ich falsch, denn die illegale Leitung wurde direkt von einem Strommast abgezweigt. Ich erfahre weiterhin, dass der Mann nicht wegen das defekten Kabels aufgebracht ist, sondern weil er Angst hatte und habe, dass jemand zu Schaden kommt; dass ein Kind an das immer noch funkende Kabel greifen könnte. Doch nach einer halben Stunde ist die Gefahr gebannt. Irgendwie schaffen es die Männer das Kabel von der Hauptleitung zu trennen. Die Gemüter sind beruhigt und nun entschuldigt sich der Geschädigte mehrmals bei mir. Es täte ihm sehr Leid, dass er anfangs so aufgeregt war. Ich biete nochmal an, bei der Reparatur helfen zu wollen, doch dies wird freundlich abgelehnt. Ich bin angenehm überrascht wie unproblematisch hier solche Angelegenheiten gehandhabt werden.
iran_yazer.jpgWir schütteln noch einmal die Hände und wollen weiter zu Yazers Haus, doch der gibt nun zu bedenken, dass unserer Fahrzeug wohl doch zu groß ist um bei ihm stehen zu können. Deshalb parken wir vorm Haus seiner Mutter, welches sich mitten in der kleinen Ortschaft Choubar Talesh befindet. Drinnen empfängt uns Yazers Frau, seine Mutter, Bruder und Schwester. Es gibt Tee, Eier mit Tunfisch und Brot. Wir sitzen, wie in Iran üblich, auf dem Boden, der komplett mit großen, bunten Teppichen bedeckt ist. Bis auf ein Bett gibt es keine Möbel. In einer Ecke steht ein Fernseher, an der Wand hängt ein kleines Regal. Yazer erklärt, dass die Möbel nun bei seinem Bruder und ihm stehen. Doch den Anblick fast leerer Wohnräume werden wir noch öfter zu sehen bekommen. Einrichtungsgegenstände sind in Iran Luxus, den sich kaum jemand leisten kann.
Wir sind müde und ziehen uns in unseren LKW zurück. Wir haben wieder viel neues Gesehen und Erlebt, doch unsere Stimmung ist getrübt, denn eigentlich hatten wir gehofft nach zahlreichen Übernachtungen an den Straßen, einen schönen und ruhigen Stellplatz am Meer zu finden. Und aus von Yazers als Villa bezeichneten Haus, in dessen Hof inmitten eines großen Gartens wir hätten stehen sollen, ist nun die Ortsmitte eines Dorfes geworden, in dem auch noch nach Mitternacht der Winkelschleifer kreischt: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird gerade ein Geschäft ausgebaut.

Den nächsten Tag verbringen wir noch einmal mit dem Versuch, im 20km entfernten Astara, der Grenzstadt zu Azerbaijan, eine Tankkarte zu bekommen. Auch hier laufen und fahren wir von Behörde zu Behörde und werden schließlich vom Bürgermeister empfangen. Aber auch in Astara bleibt die Tankkarte ein für uns nicht verstandenes Geheimnis. Zwar sind wir optimistisch, auch ohne die Karte Tanken zu können, doch wäre es interessant gewesen heraus zu bekommen, wie man eine Karte bekommt oder warum nicht – und wenn es nur als Information für andere Overlander dient.
Zurück in Choubar Talesh klingelt mein Handy. Es ist Behrouz, von der Türkisch-Iranischen Grenze. Er hat einen weiteren deutschen Touristen gefunden, der ebenfalls auf der Suche nach der Tankkarte ist. Ich erkläre Johannes, er soll sich die Mühe sparen und mit Hilfe anderer LKW-Fahrer tanken. Wenn er sich eine SIM-Karte besorgt, könnte man in Kontakt bleiben und sich später eventuell persönlich treffen.
iran_fabrik_amir_buero.jpgWährend meines Telefonats hat Yazer einen Bekannten getroffen, einen Unternehmer, mit dessen Hilfe wir 200 Liter tanken und sogar von ihm geschenkt bekommen. Bei einem Preis von 165 Rial (1,3 Eurocent) pro Liter, also insgesamt unglaubliche 2,60 Euro. Wir bedanken uns bei Amir – in Deutschland oder der Türkei hätte diese Tankfüllung über 200 Euro gekostet.
Wieder werden wir eingeladen, diesmal von Amir. Wir wollen ablehnen, denn eigentlich hatten wir vor, ein paar Fotos auf dem Notebook zu sortieren, um sie Yazer und seiner Familie zu zeigen. Doch die Einladung abzulehnen wäre sehr unhöflich, erklärt uns Yazer und so fahren wir mit dem LKW auf Amirs Grundstück.
Das große Anwesen besteht aus zwei großen Häusern und einem weiteren im Rohbau, die von einer Obstplantage umgeben sind. Spätestens beim Betreten des Hauses wird offensichtlich, dass es sich hier um eine besser situierte Familie handelt. Von der Veranda gelangen wir direkt ins Wohnzimmer. Feine Gardinen und eingelassene Verzierungen in den Wänden schmücken den Raum. An den Wänden stehen mehrere Sofas, vor einem ein kleiner Couchtisch. Ansonsten ist die Mitte des großen Raumes leer, denn selbstverständlich wird auch hier auf dem Boden gespeist. Esther ist begeistert von den riesigen Teppichen, mit ihren leuchtenden Farben und feinem Muster. Ein Blick in die Küche zeigt einen für Iran eher seltenen Anblick im westlichen Standard.
Neben Amir sind seine Frau, vier Töchter, ein Sohn, ein Enkel, sowie Yazer anwesend. Wir bekommen Früchte und Nüsse gereicht,  erzählen von unserer bisherigen Reise und dem Leben in Deutschland. Amir ist sehr daran interessiert englisch zu lernen und blättert ständig in einem dicken Farsi/English Wörterbuch. Ich hole mein Notebook aus dem Auto, um ihm unsere Sprachlernsoftware von Rosetta Stone zu zeigen. Ich erkläre die Besonderheit, dass nicht mit Übersetzungen gearbeitet wird, sondern man ausschließlich anhand von Bildern lernt, dem gleichen Prinzip wie auch Kleinkinder sprechen lernen. Er ist begeistert und bestellt am nächsten Tag über seinen Sohn in Tehran gleich alle drei Lern-Stufen der Software.
Inzwischen sind drei Stunden vergangen, in denen die Frauen ein kleines Festmal zubereitet haben. Es wird mariniertes Hähnchen mit Kartoffeln und Möhren gereicht, welches absolut köstlich schmeckt.

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Am nächsten Tag widmen wir uns einer weiteren Aufgabe, dem Auffüllen unserer Gasflasche, denn die war bereits halb leer als wir aus Deutschland los fuhren. Was ich auf Grund der unterschiedlichen Anschlusssysteme als größeres Problem befürchtete, erledigt sich schneller als ich fotografieren kann, denn Amir besitzt unter anderem eine Fabrik in der Gasflaschen gefüllt werden. Dort wird unsere Flasche in Windeseile und professionell gefüllt. Glücklich nehme ich die volle Flasche entgegen, mit der wir sicherlich die nächsten Monate auskommen werden, da wir mit dem Gas ausschließlich Kochen.
iran_gasflasche_gefuellt.jpgAmir zeigt uns seine zweite Fabrik, eine Produktionsstraße zur Herstellung stabiler Kunststoffsäcke, die wir vielerorts zum Transport von Reis und anderer Lebensmittel sehen konnten. Selbst die Kunststofffäden, aus denen die Säcke genäht sind, werden in der Fabrik hergestellt.
Ich schieße einige hochwertige Fotos, die ich Amir auf seinen Rechner im Büro übertrage und er später mal für eine Broschüre verwenden kann.
Amir hat einen ruhigen, angenehmen Charakter. Wir fühlen uns wie zu Besuch bei alten Bekannten. Auch seine Mitarbeiter scheinen gerne für ihn zu arbeiten. Man behandelt sich wie Freunde, was wir auch beim gemeinsamen Essen in der Fabrik empfinden. Die Männer bereiten fröhlich gelaunt in einer kleinen Küche ein frisches Hähnchen zu, welches sie anschließend hinter dem Haus auf einem kleinen Grill rösten. Dazu essen wir Reis, Tomaten, Gurken und frische Zwiebeln. Auch hier schmeckt uns das Essen sehr gut und auch hier ist das Wörterbuch Farsi/English ein ständiger Begleiter unserer Gastgeber. Doch um die gegenseitige Sympathie zu vermitteln braucht es kein Wörterbuch.
Mit großem Dank und inniger Umarmung verabschiede ich mich von Amir und wir brechen auf, um weiter an der Küste entlang Richtung Rasht zu fahren.

Großstadt Tabris und der Besuch eines Badehauses

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Iran, Sar-e Eyn, Kilometer 5.766

tabris_verkehrs_chaos.jpgUnsere geplante Route durch Iran führt uns zunächst in Richtung Kaspisches Meer. Wir erreichen Tabris. Mit 1,5 Millionen Einwohner unsere erste große Stadt in Iran. Der Verkehr ist dicht und chaotisch. Von den wenigen Ampeln, werden den wenigsten Beachtung geschenkt. Aus zwei Fahrspuren werden Drei oder Vier. Taxen halten unvermittelt mitten auf der Strasse um neue Gäste ein- und aussteigen zu lassen. Das ständige Hupen mischt sich mit dem Brummen der anfahrenden Autos. Mit erhöhter Aufmerksamkeit schiebe ich mich durch den Verkehr. Ich muss lernen mich dem stetigen Fluss der Blechlawinen anzupassen. Wieder in Gedanken an den Verkehr der uns in Indien erwartet, sehe ich die Sache entspannt und genieße es sogar mitten drin zu sein, im Leben einer persischen Großstadt. Außerdem hat es auch klare Vorteile in einem LKW zu sein: Wir sitzen hoch über dem Verkehr, behalten einen guten Überblick und einem schnaubenden Dickschiff wird mehr Respekt erwiesen als einem kleinen Auto.
Wir wollen die Stadt sehen und ein paar Lebensmittel einkaufen. Da es keine Parkplätze gibt, schon gar nicht für unser Fahrzeug, tun wir es den Einheimischen gleich und parken frech am Straßenrand im Halteverbot. Keine 10 Meter vom LKW entfernt gibt lecker frisch gepressten Saft. Beim Bezahlen wird offensichtlich, dass wir Fremde sind. Dies entgeht auch einer jungen Passantin nicht und wieder einmal werden wir in englisch gefragt, ob wir Hilfe benötigen. Das Bezahlen der Getränke bekommen wir natürlich alleine hin, aber wir fragen nach dem Bassar. Sie hätte Zeit und könne uns dorthin begleiten. Das sei nicht nötig, aber schön. Schließlich verbringen wir den ganzen Tag mit Leila. Die junge Lehrerin kam gerade vom Unterricht an einer Schule. Komplett in schwarz gekleidet, trägt sie eine Kleidung, wie wir sie überall sehen. Ihre Haare und Hals verdeckt sie mit einem vorgeformten Stoff, der wie eine Haube einfach über den Kopf gezogen wird und bis über die Schultern reicht. Darunter trägt sie einen recht modernen, langen Mantel.
In den langen, dunklen, überdachten Gassen des alten Basars herrscht emsiges Treiben. Wir bewundern persische Teppichkunst,  glitzernde Waren aus Gold und Edelsteinen. Wir decken uns mit Obst und Gemüse ein, kaufen leckere Datteln.
tabris_leila.jpgWir schlendern an Kleider-Boutiquen vorbei und Leila kommt auf Esthers Mantel zu sprechen. Woher das gute Stück denn sei, frag sie und bestätigt, dass der Fummel nicht gerade en vouge ist. Also gehen wir Shoppen, was auch mir ausnahmsweise recht ist, denn ich möchte, dass sich Esther wohl fühlt und gefallen hat mir der Fehlkauf aus der Türkei ohnehin nicht. Wir werden fündig. Ihr neuer Mantel aus angenehm dünnen Stoff ist figurbetont und wird Esther auch außerhalb der Islamischen Republik noch gerne tragen können.
Zum Abschluss führt uns Leila in ein angeblich besonders gutes Restaurant. Der Blick auf die Karte sagt uns zwar nichts, da wir die Schrift nicht lesen können, doch die Übersetzung ist einfach: Kebab in allen Varianten. Dabei wären wir froh gewesen ein anderes iranisches Gericht kosten zu dürfen.
Leila empfiehlt uns auf dem Weg zum Kaspischen Meer einen Stopp bei Sar-e Eyn einzulegen. Dort gibt es ein berühmtes Badehaus mit Wasser aus heißen Quellen. Das hört sich verlockend an, vor allem weil man duschen kann. Zwar können wir auch im Auto duschen, dies jedoch sehr sparsam, um unsere Wasservorräte zu schonen. Ansonsten hat sich unsere „Dreckschleuse“ im Eingangsbereichs des Wohnkoffers sehr bewährt. Bekannte bezweifelten, dass die nur 1,5cm hohe Duschwanne überlaufen würde. Doch meine Konstruktion mit Abläufen in allen vier Ecken lässt auch ein Duschen zu, wenn das Fahrzeug nicht gerade steht.
tabris_basar.jpgNatürlich ist ein gemeinsames Baden mit Männern und Frauen in Iran undenkbar. Bereits vor dem Gebäude werden die Geschlechter getrennt. Ich verabschiede mich von Esther für die nächsten zwei Stunden und begebe mich zum Männer-Eingang auf der anderen Seite der Therme. 20.000 Rial kostet der Eintritt, knapp 1,50 €. Als erstes gebe ich die Schuhe ab und darf in eine der herumliegenden Badeschlappen schlüpfen. Ich verzichte und bin froh meine eigenen  Flip-Flops dabei zu haben. Im Schwimmbecken schwappt eine gelbbräunliche Brühe. Das ganze Bad hat diesen nicht besonders einladenden Farbton, doch die Farbe kommt vom hohen Schwefelgehalt des Wassers. Mit etwas Überwindung steige ich in das etwa 35°C warme Wasser. Da das Becken recht klein ist und viele Männer darin planschen ist an Schwimmen ist zu denken. Zudem beträgt die Wassertiefe nur 1,30m – vermutlich, weil kaum einer der Gäste richtig Schwimmen kann, denn die Meisten bewegen sich im Schwimmstil „Hund“ durch das Wasser. Es herrscht eine ausgelassene, fröhliche und lautstarke Stimmung, doch gleichzeitig wollen sich die Männer gegenseitig imponieren, da es hierfür jedoch nicht viele Möglichkeiten gibt, beschränkt es sich darauf spektakulär ins Wasser zu fallen und anschließend möglichst lange leblos mit dem Kopf nach unten im Wasser zu treiben. Ich beobachte dieses lustige Verhalten ein wenig und begebe mich anschließend in die Sauna. tabris_basar_teppichbilder.jpgWährend meines zehnminütigen Besuches, stelle ich fest, dass auch die Art des Saunierens in Iran von unseren deutschen Gewohnheiten stark abweicht. Die Badehose bleibt angezogen, Handtücher werden keine verwendet. Es geht zu wie auf dem Bahnhof, beim Kommen und Gehen wird selten die Türe geschlossen. Ein durchschnittlicher Saunagang dauert etwa eine Minute und in dieser Zeit finden möglichst Leibesübungen statt. Das können wildes wirbeln mit den Armen sein oder einfache  Strechübungen. Wo sich jeder Deutsche Saunagänger in seiner Ruhe gestört fühlen würde, amüsiere ich mich und als jemand anfängt Liegestützen zu drücken, musste ich mir das Grinsen ernsthaft verkneifen.
Wenig später frage ich Esther nach ihrem Erlebnis. Erwartungsgemäß ging es bei den Frauen ruhiger zu. Meist saß man am Beckenrand und ließ die Beine ins Wasser baumeln. Etwas störend empfand sie den Röntgenblick mit dem sich die Frauen gegenseitig visuell inspizierten und ist nun ein wenig froh wieder ihr Kopftuch und Mantel tragen zu können. Denn mit ihrem neuen Mantel aus Tabris fühlt sie sich sogar richtig schick.
Wir fahren weiter. Bis zum Kaspischen Meer sind es nur 100km. Bei dem bisher durchweg guten Straßenzustand werden wir dort noch heute ankommen.

Tanken in Iran – eine Sache fuer sich

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Iran, Maku, Kilometer 5.264.
Nun sind wir in Persien. Doch ohne Dieselnachschub werden wir nicht weit kommen. Wir sind ratlos wo wir die Chipkarte erhalten, die wir zum Tanken benötigen. An mehreren Tankstellen fragen wir danach, jedoch ohne Erfolg. In Maku, der ersten kleinen Stadt nach der Grenze, halte ich völlig entnervt vor einer weiteren Tankstelle und sinke mit dem Kopf auf das Lenkrad. Es dauert keine drei Minuten, da klopft jemand an die Beifahrertür und fragt Esther: „Can I help you?“ Wir erzählen dem hilfsbereiten Iraner die Misere mit dem Tanken. Er schlägt vor, dass wir in sein Auto steigen und das Problem lösen werden. Da wir erst vor ein paar Tagen einen Bericht eines anderen Reisenden gelesen haben, der kurz hinter der Grenze von angeblichen Polizisten ausgeraubt wurde, zu denen er ins Auto stieg, sind wir vorsichtig. Wir erklären, dass wir gerne mit dem LKW hinterher fahren wollen, worauf er meint, dass dies zu lange dauern würde. Unser Misstrauen ist uns peinlich, doch nach dem anstrengenden, gestrigen Grenzübergang wollen wir kein Risiko eingehen. Schließlich fährt er doch voraus und wir folgen ihm. Leider kommen wir an der nächsten großen Tankstelle auch in Landessprache nicht weiter. Doch Behrouz, ein pensionierter Englisch Lehrer, meint optimistisch: „There is no problem.“ und fährt mit uns noch einmal zurück zur 25km entfernten Grenze. Diesmal steigen wir doch in sein Auto ein und lassen den LKW an der Tankstelle stehen.
Unterwegs fragt er uns, ob wir schon eine Versicherung für das Auto abgeschlossen haben und wir zeigen ihm den kleinen Versicherungsschein, den wir am Vortrag für 90 Euro erstanden haben. Er schüttelt den Kopf und fragt mich, warum ich so viel bezahlt hätte. Auf dem Schein würde stehen, dass er nur 45 Euro kostet. Meine Antwort beschränkt sich darauf, dass ich kein Farsi lesen kann und ein kleiner dummer Tourist sei. Das ist Behrouz ein Besuch des windigen Versicherungsmarklers wert. Dort bekommen wir natürlich nicht unser zu viel bezahltes Geld zurück, doch Behrouz ist hier ein bekannter Mann und wird ihm sein zukünftiges Geschäft vermiesen. Als wir das Büro verlassen kommentiert Behrouz kurz, „He was my studend, but now he is corrupt!“.
An der Grenze angekommen werden wir von einem Büro zum anderen geschickt, bis wir vom Chef der Grenzstation in seinem geräumigen Office empfangen werden. Wir fühlen uns geehrt, immerhin ist diese Grenze das Nadelöhr zwischen Asien und Europa. Dort bekommen wir unseren ersten iranischen Tee serviert, der hier ebenfalls Cay heißt. Er schmeckt etwas milder und wie wir finden noch leckerer als der türkische Tee. Dafür gibt es keine Löffel um den Zucker umzurühren. Hier legt man sich beim Trinken das Zuckerstück direkt in den Mund. So was will geübt werden, aber wir sind nicht zum Teetrinken gekommen.
Selbst diverse Telefonate mit Teheran helfen nicht weiter. Die Karte bleibt ein Mysterium. Aber Behrouz hat der Ehrgeiz gepackt, so schnell gibt er nicht auf. Wir steigen wieder in sein Auto. Zielstrebig geht es zurück nach Maku, wo wir den Chef einer Tankstellenkette treffen. Dort gibt es die zweite Runde Tee, aber keine Tankkarte. Soweit wir die Lage verstehen, heißt es in einem Schreiben aus Teheran, dass eine Tankkarte für Touristen ausgegeben werden soll, doch die Karten selbst sind an der Grenze nicht verfügbar. Daher kommt es auch, dass wir bei allen Tankstellen nach der Karte gefragt werden. Woher sollen sie willen, dass es an der Grenze zur Zeit keine Karten gibt.
Ein letzter Versuch endet vor den verschlossenen Toren des Bürgermeisters von Maku, doch es ist bereits zu spät unser Anliegen vorzubringen. Wir sind hungrig und laden Behrouz zum Essen ein. In einem Restaurant bekommen wir leckeren Kebab – noch wissen wir nicht, dass es der beste Kebab unseres Iranbesuchs gewesen ist.
Auf dem Rückweg zum LKW kaufen wir uns eine Iran Telefonkarte für unser Handy. Das lohnt sich, denn wir sind fast vier Wochen im Land und telefonieren ins In- und Ausland ist mit einem lokalen Netzanbieter weit aus günstiger, als mit meiner deutschen SIM-Karte.
iran_tankschlange.jpgZurück am LKW bedanken wir uns bei Behrouz für seine Mühe. Wenngleich vergeblich, hat er acht Stunden seiner Zeit für uns geopfert. Er wolle nicht nach Geld fragen, aber ein Souvenir für seine Kinder oder Frau wäre schön und bringt uns damit in Verlegenheit, denn Andenken oder Kinderspielzeug aus Deutschland haben wir nicht dabei. Wir schenken Ihm eine Weltkarte und ein günstiges Fernglas, das ich allerdings lieber einen Hirten oder Schäfer gegeben hätte.
Zum Abschied gibt Behrouz Esther noch einen Hinweis auf den Weg: „Don’t cover yourself too much!“ und spielt damit auf Esthers nervöses Zupfen am Kragen an. Es ist der erste Tag im Iran und sie fühlt sich mit der Kleidervorschrift unsicher. Immer wieder hält sie sich den Kragen ihres Mantels zu, um ihren Ausschnitt zu verdecken und kontrolliert, ob das Kopftuch richtig sitzt. Auch der Hinweis, dass sie im Auto kein Kopftuch tragen müsse, lässt Esther aufatmen.
Wir tanken 40 Liter auf die Karte eines anderen LKW Fahrers. Ein Vorgehen, welches wir bei allen unseren Tankstops im Iran erfolgreich praktizieren werden, denn auch ein weiterer Versuch einige Tage später, an der Grenze zu Azerbaijan, wird uns keine Tankkarte bescheren.
Warum es keine Karten gibt, verstehen wir nicht – genau so wenig wie die Grenzbeamten bei unserer späteren Ausreise nach Turkmenistan, wo man uns zunächst nicht glauben will, dass wir keine Tankkarte zum Abgeben haben.
Der weitere Hinweis von Behrouz, dass wir uns den Umweg über Kroy, zum Abholen der iranischen Nummernschilder sparen können, kommt uns gerade recht. Er begründet dies damit, dass die Schilder gar nicht notwendig wären und nur einen Nachteil hätten: Die Polizei würde damit jede Gelegenheit nutzen uns wegen (angeblichen) Verkehrsdelikten Strafen aufzubrummen, die wir gesammelt bei Abgabe der Schilder an der Grenze zahlen dürften. Ob dem wirklich so ist, können wir nicht beurteilen. Fakt ist, dass wir weder im Land, noch bei der Ausreise, irgendwelche Probleme wegen eines fehlenden iranischen Nummernschilds bekommen.

Einreise Iran. Unsere erste „richtige“ Grenze.

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Iran, Maku, Kilometer 4.655

Auf unserem Nachtplatz, einer kleinen Tankstelle in Çaldıran, ist wie bei fast allen unseren Rastplätzen, früh was los und ich werde schon kurz vor fünf Uhr wach. Wir blinzeln von unserem Bett aus gegen die aufgehende Morgensonne. Wir sind etwas nervös, denn unser erster „richtiger“ Grenzübergang steht uns heute bevor, von der Türkei in den Iran.
Doch zunächst fahren wir wieder zurück nach Doğubeyazit, auf den uns bekannten Stellplatz vor einer ehemaligen Tankstelle. Der Besitzer des kleinen Restaurant freut sich uns wieder zu sehen und kommt uns grinsend entgegen. Wir suchen eigentlich nach dem freien WLAN, dass wir hier noch vor zwei Tagen nutzen konnten. Doch jetzt empfangen wir kein Signal mehr, also trinken wir erst mal einen Çay. Im Restaurant treffen wir auf Ismail, einem türkischen Trucker aus Antaky, ganz im Süden der Türkei, an der Grenze zu Syrien. Er arbeitete fünf Jahre als Fliessenleger in Heidelberg und spricht deshalb ein wenig deutsch. Er erklärt uns, dass er auf auf sein Visum für den Iran wartet, welches in etwa zwei Stunden hier ankommen soll. Sein Kühllaster steht mitten im Iran, zu dem er nun will, um dann weiter nach Turkmenistan und Usbekistan zu fahren, also die gleichen Länder die wir noch auf der Route haben. Auf meine Frage wie die Strassen denn in Turkmenistan sind, antwortet er: „Welche Straßen?“. Na, dass kann ja heiter werden. Auf seinem Laster transportiert er 22 Tonnen Apfelsinen. Er gibt uns einige Tipps und bietet an, mit uns zur Grenze zu fahren und bei den Formalitäten zu helfen.
Wir lehnen dankend ab, da wir selbst die Erfahrung machen möchten, eine solche Grenze zu überschreiten – im Nachhinein wären wir doch froh gewesen, ihn dabei gehabt zu haben.
Ismail gibt uns fünf verschiedene Telefonnummern, für jedes seiner Transitländer eine. Er bietet uns bei Problemen seine telefonische Hilfe an. Immerhin spricht er zusätzlich noch recht gut russisch. Ich verabschiede mich sehr herzlich vom Besitzer des Lokals, dem Vater der Fussballmannschaft,  mit Wangenküsschen. Während unserer beiden Aufenthalte konnte ich spüren, dass er gerne mehr mit uns gesprochen hätte, aber eine unüberwindbare Sprachbarriere verhinderte ein tieferes Gespräch. Während unserer Zeit in der Türkei und im vorraus konnten wir zwar einige Wörter Türkisch lernen, dennoch bedauere ich nicht noch besser türkisch sprechen zu können.
Wir fahren noch einmal in die Stadt, um zum ersten Mal ein Internetcafé zu suchen. Bisher konnten wir immer über ein freies WLAN eine Internetverbindung herstellen. Ich bin überrascht: In Doğubeyazit gibt es eine Internetstube nach der anderen. Ich steuere eines der Läden an und öffne die verspiegelte Tür. Das Café gleicht einer Legebatterie für Internetsüchtige. Der Raum ist schmal und langgezogen. Rechts und links befinden sich 30 nummerierte kleine Nischen mit einem PC dahinter. Der Laden ist proppenvoll. Es wird gesuft, geraucht und Çay getrunken. Rechner Nr 19 ist noch frei. Wir nehmen Platz. Noch bevor ich die erste Internetseite aufrufe, werden wir mit Tee versorgt. Aus Sicherheitsgründen übertrage ich unsere Daten nicht von einem USB-Stick, sondern über eine wiederbeschreibbare DVD. So kann ich keine Viren auf mein Notebook im LKW schleusen. Leider müssen wir feststellen, dass das eingebaute DVD-Laufwerk unseres PC eine Attrappe ist. Doch dieses Problem ist schnell gelöst. An Ort uns Stelle wird der PC aufgeschraubt und ein altes, staubiges DVD-Laufwerk angeschlossen, welches tatsächlich funktioniert.
Ich kämpfe mit dem türkischen Tastatur-Layout, während Esther dem Rauch nach draußen entflieht. Da das ganze Betriebssystem in türkisch ist, passiert mir ein blöder Fehler. Die Frage ob mein gerade eingegebenes eMail-Passwort gespeichert werden soll, beantworte ich mit „Evet“, ja. Ich hangle mich durch die türkischen Untermenüs des Internet Explorers und suche ewig bis ich die Daten wieder löschen kann. Die Verbindung ist nicht berauschend, aber mir gelingt es einige größere Bilder für die Presse hoch zu laden und nach einer Stunde bin ich fertig. Kosten: 0,50€.
Auf geht’s zur 35km entfernten Grenze. Von weitem sehe ich eine LKW Schlange, an der wir jedoch frech auf der Gegenfahrbahn vorbeifahren.Vor dem ersten Grenzposten herrscht ein wenig Verkehrschaos. Ein Mann springt aus dem Gewusel hervor und schleust uns wild winkend durch die Menge. Er weicht uns nicht mehr von der Seite bis wir über die türkische Grenze sind. Er springt auf unser Trittbrett auf und hält sich am Außenspiegel fest. Ein Grenzbeamter mit wenigen Worten Deutschkenntnissen, „empfiehlt“ uns diesen Service sogar. Mehr als „Passport“ bringt unser Servicemann allerdings nicht über die Lippen. Als er plötzlich mit unseren Pässen in einem Gebäude verschwindet, werde ich etwas unruhig. Doch wenig später taucht er wieder auf und hat ein paar neue Stempel in unseren Pässen. Auf der türkischen Seite sind wir schnell fertig. Wir geben dem Mann umgerechnet 10 Euro. Sicherlich zuviel, aber wir sind froh, dass alles sehr schnell von statten ging. Wir müssen nicht einmal den LKW öffnen.
esther_mantel_kopftuch1.jpgEsther zieht Ihr neues Kopftuch aus Istanbul auf und legt Ihren Mantel an. „Sesam öffne Dich“, das türkische und iranische Rolltor werden geöffnet, wir rollen 10m weiter und befinden uns im Iran. Viel Geduld für unseren weiteren Grenzübergang haben wir eingepackt und sind gespannt was nun weiter passieren wird. Auch hier findet schnell ein „Schleuser“ den Weg zu uns. Er kann wenige Brocken englisch, die mit einem Farsi-Slang unterlegt, teilweise nicht zu entschlüsseln sind.
Wir werden in eine grosse Halle geschickt. Frauen sitzen auf Plastikbänken, Männer stehen um einen kleinen Schalter herum und warten auf die weitere Abfertigung. Ich halte noch unsere Pässe in der Hand, doch ein aufmerksamer Polizei schnapp sie sich und schwupp sind sie in dem kleinen Glashäuschen unter einem Tisch verschwunden. Auf dem Tisch stapeln sich bereits türkische und iranische Ausweise. Wir wissen nicht auf was genau gewartet wird, aber alle warten. Also wir auch. In der angrenzenden Halle beobachte ich, wie scheinbar wahllos Gepäckstücke kontrolliert werden. Eine Ordnung kann ich nicht entdecken, alles scheint planlos, aber jeder macht irgend etwas.
Ein Grenzbeamten schließen das kleine Häuschen mit den Pässen auf, worauf die Männermenge an den Schalter drängt, doch dann wird grinsend wieder abgeschlossen. Das Ganze wiederholt sich ein paar mal. Lustige kleine Grenzspiele.
Ich nutze die Zeit und erkundige mich in der wartenden Menge nach der Tankkarte, die notwendig ist um an den hier supergünstigen Diesel zu kommen. Jeder erzählt etwas anderes und mehrfach bekomme ich erklärt, dass ein Liter Diesel 0,4$ kosten soll. Wenngleich das für deutsche Verhältnisse günstig erscheint, mag ich dies nicht glauben, denn mir ist ein Preis von 3 Cent pro Liter bekannt. Wo man die Tankkarte bekommen kann, finden wir ebenfalls nicht heraus.
Irgendwann geht es vorran und unser „Guide“ scheucht uns mit einem sich ständig wiederholenden „Come, come!“ kreuz und quer durch alle möglichen Türen. Routinemäßig wird nach dem Carnet de Passage, dem Zollpapier für unseren LKW und der Honda DAX, gefragt. Dieses Dokument sichert ab, dass wir unsere beiden Fahrzeuge nicht einfach im Land verkaufen. Einen großen Batzen Geld mussten wir dafür in Deutschland beim ADAC als Kaution hinterlegen.
Die Abfertigung auf der iranischen Seite dauert nun schon über drei Stunden, doch noch sind wir relaxed. Und weiter geht’s, die nächsten Stempel und Schnörkel-Zeichen auf unserem Carnet sammeln! Mittlerweile befinden sich darauf zahlreiche für uns unlesbare Notizen und mit jedem Botengang bekommen wir weitere kleine Zettel, die wir für irgendwas brauchen. z.B. für unser iranisches Nummernschild, welches wir Khoy abholen sollen, einer Stadt die 154 km entfernt liegt und sich zudem nicht ganz auf unserer Route befindet. Nun bin ich doch etwas genervt. Ich halte das mit meinem europäischen Ordnungsdenken für völligen Unsinn, was ich auch bekunde. Keiner kapiert unsere Frage, wo wir in Khoy denn hinfahren müssen, um diese Nummernschilder zu bekommen. Es heißt wir sollen dort ein Taxi nehmen, die wissen wo das wäre. Da dies aber vorerst nichts mit unserem Grenzübertritt zu tun hat, akzeptiere ich diesen Umstand – das wir diese Nummernschilder überhaupt nicht abholen werden, muss ja keiner wissen.
In Doğubeyazit bekamen wir in einer Bank die Information, Geld gut an der Grenze tauschen zu können. Der aktuelle Kurs sei 1 TL = 6.500 Real. In einer Wechselstube in der Stadt wurde uns ein Kurs von 6.000 Real angeboten, den wir aber leider ablehnten. Da wir mittlerweile nicht mehr all zu viel Euro in Bar dabei haben, heben wir in Doğubeyazit 500 TL (ca. 250Euro) mit der EC Karte ab. Die wollen wir in iranische Real tauschen. Jetzt an der Grenze, kostet uns dieses ganze Getausche und ein noch schlechterer Kurs spürbar Geld. Wir machen einen Verlust von etwa 15%.
Zwar sind wir nun schon über der Grenze, doch noch nicht ganz fertig, wir brauchen noch eine Autoversicherung.Wenngleich wir nicht damit rechnen, dass diese Versicherung im Schadensfall auch zahlt, so sollte dennoch eine abgeschlossen werden, denn die Polizei soll angeblich bei Kontrollen danach fragen. Unser „Guide“ steht uns immer noch zur Seite, allerdings sind wir inzwischen doch ziemlich geschafft und sein hektisches „Go!“ and „Come!“ stresst uns. Wir werden in ein kleines Kabuff in einem engen Häuserflur geführt, das man alleine nie finden würde. Es braucht schon Nerven und Gottvertrauen überall mit hin zu wackeln. Nach ein wenig Palaver heisst es, dass Versicherung 120 Euro kosten soll, worauf ich unmissverständlich klarstelle, dass dies definitiv zu viel ist. Der Versicherungsfutzi sucht im Rechner nach angeblichen Alternativen. Letztlich bezahlen wir 90 Euro, was mit Sicherheit immer noch zu viel ist. Doch mit dieser letzten Station unser Grenzabwicklnung sind wir mental am Ende. Über fünf Stunden mussten wir aufpassen wo unsere Pässe sind oder das Carnet, denn die Dokumente wurden so schnell eingesteckt, weitergegeben, durchgereicht, dass man alles sieben Sinne beisammen halten muss. Dennoch verschwanden die Pässe zeitweise, tauchten jedoch kurze Zeit später wieder auf.
Unserem Grenzguide geben wir umgerechnet 17 Euro, was viel zu viel war, denn am Geldwechsel und der Versicherung hat er ebenfalls gut verdient – wie wir einen Tag später erfahren, steht auf dem Versicherungsschein in persisch geschrieben, dass er 45 Euro statt der bezahlten 90 Euro gekostet hätte. Als Dank scheucht uns der Guide nach der Gabe seiner Gage unfreundlich davon. Kein schöner Einstieg in ein Land, dass uns doch so freundlich und toll beschrieben wurde. Aber es ist ja auch erst der erste Tag im Iran.
Wir stellen unsere Uhr 3,5h später als in Deutschland ein. Die Zeitverschiebung spüren wir sogar fahrender Weise mit dem LKW. Unser Tages Rhythmus hat sich noch nicht richtig eingependelt. Viel zu spät kommen wir ins Bett und stehen zu spät auf. Wir werden noch einige Zeit brauchen um unseren Tagesablauf nach der Sonne gerichtet zu haben.

Ein abenteuerliche Abkürzung

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Doĝubayazit, Türkei. Kilometer 4.580

ostanatolien_schnee.jpgAm 05.05. starten wir zur größten Tagesetappe der Türkei. Nach einer Fahrzeit von knapp neun Stunden legen wir die 480km lange Strecke von Erzincan nach Doğubeyazit zurück und überqueren dabei mehrere hohe Pässe. Nach dem Scheitelpunkt des 2.300m hohen Saç Geçidi Pass geht es steil hinab. Ich versuche einen kleinen Gang einzulegen, aber er klemmt. Schnell ist mir klar, dass unser kleines Motorrad, welches zwischen Wohnkoffer und Fahrerhaus befestigt ist, nach vorne gerutscht sein muss und nun das Getriebegestänge behindert. Wir stoppen und ich mache mich daran unser Zweirad mit Spanngurten neu zu verzurren. Hier oben ist es so kalt, dass wir im Fahrerhaus die Heizung einschalten. Dazu bläst draußen eisig der Wind und zusätzlich setzt Schneeregen ein. Im Frühjahr kann es im Osten der Türkei noch empfindlich kalt werden. Vor einem Jahr, im April, kämpften uns bekannte Overlander in Doğubeyazit (1580m) mit nächtlichen Temperaturen von Minus 20 Grad. Dann hilft nur Motor laufen lassen oder ein offenes Feuer unter dem Dieseltank. Mit knapp über Null, haben wir es im Vergleich kuschelig warm. Wenig später ist die DAX wieder ordentlich verstaut und die Fahrt kann weitergehen.
In Erzurum legen wir einen kleinen Stop ein, denn Esther muss shoppen gehen. Sie braucht einen Mantel, den Sie im Iran, neben dem obligatorischen Kopftuch, tragen wird. Doch mit dem überteuerten, dunkelblauen „Lappen“, den wir erstehen, kann ich mich nicht so recht anfreunden. Esther sieht es gelassen und das ist die Hauptsache, denn immerhin muss sie ihn (er)tragen und nicht ich.
Bevor wir uns wieder auf die Straße begeben, stärken wir uns in einem kleinen Restaurant. Nun ja, „klein“ ist wohl etwas untertrieben, „winzig“ umschreibt es passender. Wir dachten es handelt sich um einen Straßenverkauf, doch in der Kebab-Bude, in der Große unseres Wohnkoffers, kuscheln 11 Personen an kleinen Tischen. Unter ihnen einige Jugendliche, die gerade von der Schule kommen. Sofort sind wir Gesprächsthema Nummer Eins. Eingepfercht in einer Ecke schneidet ein Mann das Fleisch vom Spieß. Reis und Salat wird aus einer kleinen Luke in den Raum gereicht, hinter der sich wahrscheinlich eine besenkammergroße Küche befindet. Wir verspeisen gleich drei Postionen Chicken-Kebab mit Reis und Salat, dazu trinken wir Ayran, ein typisches türkisches Erfrischungsgetränk auf Joghurtbasis. Auch hier war unsere Strategie wieder einmal goldrichtig dort zu speisen, wo sich die meisten Einheimischen tummeln, egal wie es dort aussieht.
In Doğubeyazit angekommen ist es bereits dunkel geworden, doch wir finden einen guten Platz zum Schlafen auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle, die nun von einer kleinen Spedition genutzt wird. Auf dem Gelände trinken wir in einem einfaches Restaurant einen Tee mit dem Besitzer, der uns stolz erzählt, dass er 11 Söhne hat. „Foodball!“, sagt er lachend dazu. Doch das Lachen hat schnell ein Ende, denn in der Ecke flimmert ein Fernseher und wir erfahren, dass es weiter südlich ein Massaker auf einer Hochzeit gegeben hat. Über 40 Personen, darunter Frauen und Kinder, starben im Kugelhagel. Ein Familien-Clan missbilligte die Hochzeit, wodurch sich ein paar von Ihnen zu dieser Gräueltat hinreissen liessen. Schrecklich.

sarayi_panorama.jpgAm nächsten Tag besichtigen wir den . Der in Ruinen liegende Palast gilt als eines der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Türkei, schreibt zumindest Wikipedia und sogar wir museumsscheue Touristen, sind von der Anlage fasziniert, verbringen fast zwei Stunden im Palast, der einmal 366 Zimmer gezählt haben soll. Uns gelingen ein paar schöne Fotoaufnahmen. Vor dem Palast treffen wir auf Nuro, einem Deutsch-Türken, der seit ein paar Tagen auf dem Campingplatz 100m unterhalb der Sarayı gastiert. Er trägt moderne Trekkingkleidung und reist seit drei Jahren durch die Welt, unter anderem viel im Norden Europas. Während wir mit mehreren Tonnen „Gepäck“ durch die Welt reisen, reicht ihm ein sehr kleiner Rucksack. „Das ist noch viel. Ich will noch optimieren und mit weniger auskommen.“, meint er. Ich finde diese Einstellung bewundernswert. Trotz unserer ungleichen Reiseart, entdecken wir viele Gemeinsamkeiten in unseren Denkweisen über das Leben und Leben lassen. So entwickelt sich in den nächsten Tagen eine neue kleine Freundschaft.
Unter einem Campingplatz verstehen wir Europäer gewöhnlich etwas anders, aber immerhin gibt es eine warme Dusche und frisches Wasser aus einer Quelle. So verbringen wir dort einige Tage, denn wir wollen dem Durcheinander in unserem kleine Zuhause langsam ein Ende setzen. Ich zimmere das längst überfällige Bücherregal aus dem mitgebrachten Holz aus Ankara und damit ist wieder eine Kiste weniger im Weg. Juhu!

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Mit Nuro unternehmen wir einen sehr schönen Ausflug in die Umgebung. Unser Ziel ist ein winziges Dorf auf einem kleinen Plateau an dem Bergen um Doğubeyazit. Wir wollen ein wenig raus aus der Zivilisation. Querfeldein wandern wir über mehrere Hügelketten und erreichen nach etwa drei Stunden die kleine Gemeinde. Schnell werden wir entdeckt. Heftig bellende Hunde kündigen unseren Besuch an. Eine Frau hängt ihre Wäsche auf, verschwindet jedoch rasch im Haus. Aus einem anderen Haus kommt uns ein älterer Mann entgegen. Nuro wechselt in Landessprache ein paar Worte mit ihm. Kurz darauf sind wir zum Tee auf der kleinen Wiese vor seinem Haus eingeladen. Eigentlich wollten wir den typischen Ayran kosten, doch der wird aus Schafsmilch hergestellt und die gibt es zur Zeit nicht, da die Schafe ihre Lämmer säugen. Vorwitzig tapsen diese um uns herum. Als Ausgleich bekommen wir leckeres selbstgebackenes Brot. Der Bauern erzählt, dass  immerhin 26 Familien im Dorf leben und wie fast überall findet auch hier eine gewissen Landflucht statt. Von den Jugendlichen will kaum jemand mehr Schafhirte sein oder Knochenarbeit auf dem Feld verrichten. Das Dorf ist mittlerweile auch über eine kleine Strasse von Doğubeyazit aus zu erreichen, doch die meisten Dinge zum Leben stellen die Menschen noch selbst her. Das Wasser holen sie aus den Bergen, wer das Geld für ein langes Kunststoffrohr hat, legt sich eine kleine Pipeline. Ein Anschluss aus der Stadt gibt es nicht und könnte sich niemand leisten. Immerhin gibt es Strom.

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Die Menschen leben bescheiden. Während unseres Gesprächs beobachten wir das Häuschen des Bauern, eine typische, einfache Lehmhütte mit Flachdach. Neugierig lassen sich immer wieder kleine Kinder blicken. Die Mutter sehen wir nur einen kurzen Moment beim Wasserholen aus dem Nebenraum. Die Behausung scheint aus zwei Räumen zu bestehen, die nur über zwei Außentüren zu betreten sind. Zwar besteht der Fussboden aus Lehm, dennoch springen  auch hier die Kinder feinsäuberlich aus den Schuhen bevor sie wieder im Haus verschwinden.
Wir machen uns wieder auf, zurück zu unserem Palast auf vier Rädern. Nachdem wir ständig an stark frequentieren Rastplätzen gestanden haben, war dies ein schönes kleines Erlebnis. Wir freuen uns schon sehr auf unsere ersten längeren Trekkingtouren in Indien und Nepal.
Unter Zeitdruck wollten wir schnell über die Grenze in den Iran. Nun, wo der Grenzübertritt nur einen Steinwurf entfernt liegt, zögern wir. Jetzt, wo wir einige Worte in türkisch gelernt und ein Gefühl für das Land gewonnen haben, möchten wir am liebsten noch ein paar Tage bleiben. Doch auch das für uns unbekannte Iran ruft. Nuro zieht es ebenfalls nach Osten, würde am liebsten direkt mit uns fahren, doch mit seinem deutschen Pass kann er nicht mehr spontan in den Iran. Mit einem türkischen Pass wäre dies möglich gewesen. Wir entschließen uns wenigstens gemeinsam in den Süden nach Van zu fahren. Der Vansee soll sehr schön sein soll und von dort kommt man auch zu einen Grenzübergang in den Iran.
 
Viel zu spät brechen wir also auf um die 170m km nach Van in Angriff zu nehmen. Der Weg führt uns über einen 2.600m hohen Pass und wieder einmal fahren wir in die Dunkelheit hinein. Doch die Straßen sind gut und wohlbehalten erreichen wir ein paar Stunden später Van. Wir suchen ein Restaurant, das uns mehr als nur Reis-Kebab bietet, was uns bisher nicht wirklich gelungen ist. Immerhin haben wir eine deutsch-türkisch sprechende Unterstützung dabei. Wir bekommen ein Eintopfgericht und Hackfleischbällchen in Tomatensoße, was zwar nicht schlecht schmeckt, uns jedoch keine Gaumenfreuden entlockt. Doch wir geben die Hoffnung nicht auf, irgendwo muss doch all das leckere Gemüse zubereitet werden.
Wir verbringen die Nacht auf einem kargen Platz vor einer großen Ruinenanlage am Van-See. Da Nuro bereits um 8:30 Uhr mit dem Bus nach Tunceli, seiner Heimatstadt, weiterreist und wir einige Zeit damit verbringen einen Internetzugang zu finden, bekommen wir auch nicht wirklich sehenswertes zu Gesicht. Irgendwie treibt es uns nun doch an die Grenze in den Iran.
Unser Weg führt uns auf wenig befahren Straßen Richtung Osten. Nach knapp einer Stunden und nahezu keinem Verkehr, beschleicht uns das Gefühl, dass die Grenze eventuell gar nicht geöffnet ist. Tatsächlich erreichen wir wenig später ein geschlossenes Eisentor, hinter dem sich ein großer Platz und verlassene Hallen befinden. Etwas rechts von uns, an einer Bahnlinie, befindet sich ein größerer belebter Militärposten. Mit dem Auto scheint es hier wirklich nicht weiter zu gehen. Ich erkenne keine Straße, die hier als Grenzübergang genutzt werden könnte. Zu Fuß laufe ich auf das Gelände hinter dem Tor um mich von der Misere zu überzeugen. Ein Zaun trennt das Gelände. Auf den Gebäuden der anderen Seite weht die Iranische Flagge. Wenngleich es auch auf der iranischen Seite recht lebhaft zugeht, ist deutlich zu sehen, dass hier schon lange kein Grenzverkehr mehr abgewickelt wurde.Ich überquere eine kleine Brücke Richtung Militärposten um mich davon zu überzeugen, ob es nicht doch eine Möglichkeit des Grenzübertritts gibt. Doch den gibt es nicht, denn die jungen Soldaten erklären mir, dass wir uns hier auf militärischen Sperrgebiet befinden. Etwas seltsam, da die Straße in keinster Weise derart ausgeschildert war – zumindest nicht für uns les- oder erkennbar.
Da hilft kein Zähneknirschen – wir müssen zurück nach Doğubeyazit. Das schmeckt uns gar nicht. Eine Strecke doppelt zu fahren ist schon blöd genug, zum Anderen müssen wir im Iran ohnehin wieder Richtung Süden und das uns dieser Umweg nun 180 Euro an Diesel kostet, macht die Sache nicht besser. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass es noch eine Alternative des Grenzübertritts weiter im Süden gibt. Einige Gebiete zum angrenzenden Irak sind jedoch türkisches Sperrgebiet. Da ist uns das Risiko zu groß eine noch größere Strecke zurückfahren zu müssen. Stattdessen entscheiden wir uns nach einer Abkürzung zu suchen, die uns nicht über Van, sondern direkt nach Doğubeyazit führt. So eine „Abkürzung“ ist zwar nirgends auf unserer Karte eingezeichnet, aber wenn ich mir den Umweg über Van anschaue, wird es bestimmt eine direkte Route geben.
So biegen wir an der nächsten größeren Kreuzung „rechts ab“. Auf unserem GPS sind natürlich auch keine Straßen eingezeichnet, aber wir können uns immerhin an ein paar kleineren Ortsnahmen auf der Karte und der Himmelsrichtung orientieren. Unsere anfängliche Abenteuerlust wird jedoch schnell befriedigt, als die ohnehin schlaglochgesprickte kleine Asphaltstraße mit einem Mal endet und zur Piste mit Schlammlöchern wird. Auf halber Strecke ein Blick in die Tanks: Fast leer. Auf jeden Fall kommen wir damit nicht bis zur nächsten größeren Stadt Çaldira. In einem Dorf klopfen wir irgendwo an der Türe, fragen nach Diesel. Ein Mann deutet uns, wir würden beim Markt Sprit bekommen. Wir befinden uns nun wirklich auf dem Land: Auf Schlammwegen, teilweise mehr Wasser als Weg, kommen wir im Dorfshop an. Natürlich bleibt unser lautstarkes Auftauchen nicht unbemerkt und schnell wird unser Besuch zum Ereignis des Tages. In einer Baracke neben dem Laden lagert der Sprit in dubiosen Fässern. Der Preis ist schnell geklärt: 80 Eurocent pro Liter sind denkbar günstig für die Türkei – wo das Zeug her ist, will ich gar nicht wissen. Zu Sicherheit packe ich unseren Spezialtrichter aus. Die Leute stauen nicht schlecht: Im Trichter ist ein Filter mit Wasserabscheider eingebaut. Tatsächlich laufen die per Hand abgefüllten 60 Liter problemlos durch den Filter, bis auf einen kleinen Rest, den ich dem Händler dankend zurückgebe. Nach einem Cay und ein paar türkischen Worten setzen wir unser Abenteuer fort.
wellblech_schlammpiste.jpgDie Piste wird immer katastrophaler. Der Tachozeiger zuckt schon lange nicht mehr, das GPS zeigt bisweilen Geschwindigkeiten zwischen 2 und 6km/h an – da ist man schneller zu Fuß unterwegs. Dunkel wird es auch schon und wenn es in diesem Tempo weitergeht, benötigen wir noch Stunden bis nach Çaldiran. Anfangs konnte ich den Schlaglöchern noch ausweichen, jetzt besteht der Weg nur noch aus Schlammlöchern, durch die ich mitten durch muss. Esther kommt sich vor wie beim Rodeo. LKW und Aufbau schaukeln wild hin und her, der Rahmen knarrt beängstigend unter dem ständigen Lastwechsel. Jetzt ein Panne wäre grausam. Auf der gesamten Fahrt begegnet uns kein Verkehr. Wer fährt schon freiwillig solche Wege. In einem weiteren Dorf überlegen wir zu übernachten, doch es stinkt nach verbranntem Plastik und insgesamt wirkt es für uns alles andere als Einladend. Wir fahren weiter.
Ich klammere mich an eine Theorie: Wenn wir den Scheitelpunkt der Strecke hinter uns haben und wir uns der nächsten Stadt nähern, müsste die Straße sicherlich wieder besser werden. Im Rückspiegel tauchen Scheinwerfer eines weiteren LKW auf, für den ich kurz zur Seite fahre, damit er überholen kann. Er bedankt sich mit einem kurzen Hupen und ist bald darauf ein gutes Stück vor uns. Wenig später steht er am Straßenrand und scheint mit einem kleinen Reservekanister zu hantieren. Ich versichere mich ob alles in Ordnung ist und fahre weiter. Kurz darauf überholt er mich wieder, hupt. Dann steht er wieder am Rand, tankt. Ich überhole, hupe. Das ganze ereignet sich noch insgesamt zwei Mal und ich frage mich wie viele kleine Reservekanister er wohl dabei haben mag. Die Situationskomik heitert uns ein wenig auf – wahrscheinlich auch, weil wir hier nicht ganz alleine sind.
strasse_abkuerzung.jpgBewahrheitet sich meine Theorie: Aus dem nichts taucht eine Teerstrasse auf und wir können wieder Gas geben. Welch ein krasses Gefühl nach dieser Strecke wieder ebenen Boden unter den Rädern zu haben. Wir atmen auf und erreichen eine halbe Stunde später Çaldiran, wo wir die nächste Tankstelle zum übernachten ansteuern. Dort treffen wir erneut den Truckfahrer, „unseren Freund von der Schlammpiste“. Wir trinken Çay, lachen und sind erleichtert dieses kleine Abenteuer ohne Blessuren überstanden zu haben. Schließlich sind das die Geschichten von denen wir später grinsend erzählen können.

Morgen geht es weiter nach Doğubeyazit und dann endlich über die Grenze in den Iran.

Einmal quer durch die Türkei, bitte!

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Ankara – Dogobayazit, Türkei. Kilometer 4.269

Aus dem Internet wissen wir, dass es in Ankara ein Praktiker und Bauhaus gibt. Auf unserem Weg in die Hauptstadt der Türkei überqueren wir unsere ersten Bergpässe. Mit rund 1600m sind diese allerdings weit niedriger, als die türkischen Hochebenen, die wir später noch hunderte von km durchqueren werden. Wir erfreuen uns an der sich wechselnden Landschaft, die zunächst satt grün bewaldet ist und nach überwinden der höchsten Pässe karger wird. Dort leuchten uns vielfarbige Sandsteinlandschaften im Abendlicht entgegen. Die Erosion hat tiefe Rillen in die Berge geschnitten und projizieren bizarre Schatten. Ein Seen reflektiert malerisch die tief stehende Sonne.

Es dämmert bereits, als wir die 4,2 Millionen Einwohner zählende Stadt erreichen und wir machen uns auf die Suche nach den Baumärkten. Auf teilweise 10 Spuren der Ringstraße um und nach Ankara herrscht zu unserer Ankunft so gut wie kein Verkehr. Im Stadtkern nimmt der Verkehr zu, dennoch kommen wir gut voran, doch einen Baumarkt finden wir erst mit elektronischer Hilfe: Wir stoppen an einer kleinen Tankstelle, nutzen den offenen Internetzugang eines nahe liegen Hotels und lassen uns mit Hilfe unseres im Notebook integrieren GPS unsere aktuelle Position und den Standort vom Baumarkt in Google-Earth anzeigen. Eine nützliche Spielerei – es lebe die Informationstechnologie! 10 Min später stehen wir auf dem Parkplatz vom Bauhaus, dessen Name in riesigen Lettern auf der Gebäudewand prangt. Irgendwie komisch, 2.500km von Deutschland entfernt einen deutschen Baumarkt zu betreten. Den Praktiker gibt es sogar zwei Mal in Ankara. Deutsche Firma heißt allerdings nicht, dass auch deutsch gesprochen wird; warum auch, welcher deutscher Tourist, außer uns, verirrt sich denn in der Türkei in einen Baumarkt? Für unser fehlendes Bücherregal und drei Ablagefächer unter der Küchenzeile lassen wir uns Multiplexplatten zuschneiden. Aber zum Basteln kommen wir vorerst nicht – mal sehen wann wir endlich unsere letzten Arbeiten am Innenausbau Fertigstellen können.
Ankara gilt als nicht besonders sehenswerte Stadt. Wir beschränken unsere Verweildauer deshalb auf einen Tage und zwei Nächte, in denen wir neben unserem Holzkauf, noch Tanken, Einkaufen und einen Reisebericht online stellen.
Am morgen des dritten Tages werden wir von der Polizei von unserem Nachtplatz, einer Wohnblocksiedlung, die zu den besseren Vierteln der Stadt zählen muss, vertrieben. Anhand unseres in Istanbul mühselig erstandenen deutsch-türkisch Wörterbuchs versuchen wir den Beamten zu erklären, was wir hier zu suchen haben. Dabei „wandert“ das für uns so wertvolle Hilfsmittel in die Tasche eines der Polizisten, was wir leider zu spät feststellen und uns tierisch ärgert. So fällt unser Abschied nicht schwer und wir fahren weiter.

route_tuerkei2.jpgUnsere weitere Reise durch die Türkei führt uns geradlinig Richtung Iran und beschreibe ich nur kurz und knapp – vielleicht sind ein paar nützliche Informationen für andere Reisende dabei:
Auf der Suchen nach einer Übernachtungsmöglichkeit in Akdağmadeni fahren wir durch die belebte kleine Stadt und fallen auf wie bunte Hunde. Zwar finden wir im Zentrum einen bewachten Parkplatz, dort hätten wir mit Sicherheit aber keine Ruhe gefunden und parken schließlich vor der Stadt zwischen einem Caysalonu und einer Tankstelle. Dort rief der Muezzin um 4:30 Uhr mit besonderes wohlklingender Stimme zum Gebet – vielleicht motiviert durch die besondere Akustik der steilen Berge um Akdağmadeni.
Auf dem Weg nach Sivas folgen wir spontan einem Schild mit der Aufschrift „sıcak kaynak, hot springs“. Doch die heißen Quellen entpuppen sich als eine der gewöhnlichen Picknikanlagen ohne besonderen Reiz.
Sivas glänzt mit einem herausgeputzen Stadtkern, doch sehenswerte, alte Gebäude, wie sie im Reiseführer erwähnt werden, können wir bei unserem kurzen Besuch nicht entdecken.
route_turkei.jpgNach Sivas folgen wir einem „cold springs“ Schild und versuchen unser Glück aufs Neue. Eine kleine steile Bergstraße mit wunderschöner Landschaft führt uns an einem malerischen See vorbei und endet an einer weiteren Freizeitanlage mit Ferienhäuschen und einem Badehaus, welches gerade renoviert wird. Auf der Anlage möchte wir nicht unbedingt stehen und da uns zudem noch ein angeblicher Securitymann förmlich bedrängt dort zu nächtigen, fahren wir trotz Dämmerung weiter.
Das Fahren bei Dunkelheit erfordert besondere Aufmerksamkeit um mögliche Schlaglöcher oder Bodenwellen rechtzeitig zu erkennen. Blöd, dass zusätzlich unser linker Scheinwerfer ausfällt. Eine Ersatzglühbirne für unsere nostalgischen Lampen können wir nur über unsere Freunde aus Deutschland organisieren. Doch mit Fernlicht und Nebelscheinwerfer schaffen wir uns vorerst die nötige Sicht.
Im kleinen Städtchen Hafik fahren wir in der Dunkelheit zunächst wieder durch das Zentrum, um festzustellen, dass die Tankstelle etwas außerhalb einen bessere Stellplatz bietet als im Ort. Da fast alle Tankstellen 24 Stunden am Tag geöffnet sind, ist immer jemand dort, der ein Auge auf unserer Auto werfen kann. Wir trinken Cay mit dem Chef der Tankstelle, sowie allen Bediensteten und wechseln ein paar Worte, bevor wir uns in unseren Wohnaufbau zum Schlafen zurückziehen. Ein Vorgehen, welches wir an jedem Stellplatz praktizieren und wir jedem Reisenden empfehlen können! Die Menschen sind durchweg alle freundlich und durch ein kleines persönliches Gespräch sind wir nicht mehr einfach irgendjemand aus irgendwo. Zudem bekommt man selbst ein wesentlich besseres Gefühl wie sicher der Standplatz sein mag.
reifen_piste.jpgIn Erzincan parken wir direkt beim ersten Kreisel auf dem Parkplatz eines Supermarktes hinter einer Tankstelle, gehen Einkaufen und bleiben über Nacht. Am nächsten Morgen erleben wir eine kleine Überraschung: Schon zu früher Stunde ist ein Angestellter des Supermarktes damit beschäftigt den Parkplatz mit einem großen Wasserschlauch abzuspritzen. Verschlafen linse ich durch unser Fenster und wundere mich was hier so alles in der Nacht erledigt wird. Doch als wir aufstehen merken wir allmählich, dass wir in der Nacht unseren ersten kleinen Sandsturm verpasst haben. Alles ist mit einer dichten Schicht Wüstenstaub bedeckt. An der Tankstelle gibt es einen Hochdruckreiniger und es bildet sich bereits eine Warteschlange waschbedürftiger Autos. Schicki-micki, denken wir uns, jetzt sieht unser Auto doch erst richtig abenteuerlich aus!

dogubayazit_ararat.jpgAm 05.05. fahren wir die 480km lange Strecke von Erzincan nach Dogobayazit, der letzten Stadt in der Türkei vor dem Iran. Von hier sind es nur noch 35km bis zu Grenze. Doch wir bleiben einige Tage in Dogobayazit und erleben, wie eine schnelle Entscheidung zum langen Abenteuer werden kann … mehr im nächsten Bericht!

Großer Wartungsstop in Izmit

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Izmit, Türkei, Kilometer 2.828

Obwohl keine Großstadtfans, hat uns Istanbul sehr gefallen, doch nun lockt unser Ziel, welches nur einen Steinwurf entfernt liegt – Istanbul erstreckt sich, weltweit einzigartig, über zwei Kontinente und über den Bosporus erwartet uns Asien!

Fahrlässig stürzen wir uns zur Rush Hour in den Verkehr. Die wenigen Brücken über den Bosporus sind stark frequentiert. Im dichten Verkehr verpassen wir die ersten beiden Brückenauffahrten. Bei der Dritten finden wir den Weg, der uns hoch über die Seeenge führt. Direkt nach der Brücke versperrt uns eine Mautstation die weiterfahrt. Eigentlich nichts besonderes, zu unserer Überraschung gibt es hier allerdings keine Schranke mit Personal oder der Möglichkeit der Barzahlung und so stehen wir plötzlich ratlos vor einer Schranke und nichts geht mehr. Hinter uns wird gehupt. Das Drücken des roten Hilfe-Knopfs bringt uns, außer einer quakenden türkischsprachigen Stimme, leider auch nicht weiter. Hinter uns setzen die Auto zurück und zahlen an einer der vielen weiteren Schranken. Ein Einheimischer, der gerade eine der anderen Schranken passiert hat, erkennt unsere Not. „Sie brauchen hier eine Karte, sonst kommen Sie hier nicht durch!“, ruft er mir entgegen. Die Karten müssten wir bei einer Bank kaufen, erklärt er weiter. Wir können diese Tatsache kaum glauben. „Ich mach das mit meiner Karte, aber Sie müssen mir dafür das Geld geben.“. Gerne zahlen wir unserem Retter die Gebühren und noch ein wenig mehr.
Nachdem wir die Weiterfahrt aufnehmen, schüttle ich noch immer den Kopf. Diese kleine Erfahrung hat uns gezeigt, dass wir bereits wenige Meter auf asiatischem Boden als Exoten gelten.
Wir befinden uns noch mitten im Stadtgebiet von Istanbul. Aus Angst vor einer weiteren solchen Falle, nehmen wir die nächste Abfahrt von der Autobahn und prompt verfahren wir uns. Steuern in die komplett falsche Richtung und können erst wieder umkehren, als wir unten am Meer ankommen. Sinnlose Diskussionen, warum wir falsch gefahren sind. Prinzipiell macht mir das Fahren mit unserem 6,5m lagen, 2,5m breiten und über acht Tonnen schweren Wohnsitz auch im dichten Verkehr wenig aus. Nach allerdings zwei Stunden Istanbul Berufsverkehr mit stop and go, wird es auch körperlich anstrengend, ein 34 Jahre altes Fahrzeug zu führen. In Gedanken daran, was uns in Indien erwartet, sehen wir das bisschen Verkehr gelassen. Wenig später haben wir wieder die richtige Landstrasse gefunden und brummen weiter Richtung Izmit.

Wieder einmal fahren wir in die Dunkelheit hinein und suchen uns den erstbesten Nachtplatz. Wir parken vor irgend einem Werksgelände. In der Nacht machen sich Leute am Auto zu schaffen. Bei außergewöhnlichen Geräuschen werde ich schnell wach. Ich höre Stimmen und merke, dass sich jemand vorne am Fahrerhaus hochzieht. Durch den kleinen Schlitz unter dem Rollo erkenne ich zwei Männer. Ich warte noch einen Augenblick, doch nachdem weitere Klopf- und Rüttelproben erfolgen, ziehe ich schlagartig das Rollo hoch, öffne das Fenster und frage mit fester Stimme: „Iyi akşamlar! What is the Problem?“. Die beiden Männer sind sichtlich erschreckt, entschuldigen sich hastig und erklären zum Sicherheitspersonal der gegenüber liegenden Fabrik zu gehören. Bei unserer Ankunft bemerkte ich bereits die neugierigen Blicke aus dem Wachhäuschen und dachte mir, dass so etwas in der Art passieren könnte. Die beiden wünschen mir noch eine gute Nacht und verschwinden. Esther hat davon kaum etwas mitbekommen – sie hat einen sehr gesunden Schlaf.

Am nächsten Morgen besuchen wir den Personalchef der Goodyearfabrik in Izmit. Zwar haben wir keinen Termin, möchten dennoch kurz Hallo sagen. Außerdem haben wir einige Dinge am Auto zu erledigen und hoffen ein paar Tipps zu bekommen.

ventilspiel.jpgWie bereits erwähnt, sind wir mit unseren Reisevorbereitungen am Auto zum Startschuss nicht ganz fertig geworden. Deshalb liegen uns andauernd Dinge nervtötend im Weg herum. Ein ständiges Hin- und Herschieben, Herumheben und Suchen lässt kein echtes Wohngefühl aufkommen. Was noch wichtiger ist, sind einige Wartungsarbeiten am LKW, die noch nicht erledigt sind.
Wir bleiben deshalb ganze 10 Tage auf dem wenig attraktiven, aber bewachten Goodyear Parkplatz stehen. Wir lassen uns eine Werkstatt empfehlen, wo wir den rechten Tank kompletten ausbauen und spülen lassen und damit die Dieselpest endlich loswerden. Unseren speziellen Dieselfilter mit Wasserabscheider, der unseren Motor vor üblen Treibstoffqualitäten schützen soll, installieren wir ebenfalls und kümmern uns um das Standgas, das schon seit drei Wochen hängen bleibt und weshalb ich bei jeder Ampel, jedem Stopp, das Gaspedal mit der Hand hochziehen muss. Ventilspiel kontrollieren können wir nicht, da der Motor noch warm ist. Zwar habe ich dies noch nie gemacht, erledige ich aber zwei Tage später erfolgreich alleine auf unserem Parkplatz.

Einige Tage später besuchen wir noch einmal die Werkstatt, in der übrigens keiner auch nur einen Brocken Englisch, geschweige denn Deutsch sprechen kann. Aber das macht die Sache nur interessanter. Wir kommunizieren wieder einmal mit Händen und Füßen, am Fahrzeug kann man auch sehr schön einfach auf die entsprechenden Teile zeigen. Notfalls hilft das Wörterbuch. Mein türkischer Automechaniker redet oft Wortkolonnen in Türkisch, von denen ich kein einziges Wort verstehe. Ich fange an das gleiche in Deutsch zu tun, denn irgendwie ergibt sich im Kontext auf magische Weise ein Sinn und man versteht sich – zumindest grundlegend. Und wenn man sich mal nicht versteht, wird gelacht – oder trinkt cay, der auch hier in Strömen fließt. Ich habe viel Spass bei den Werkstattbesuchen und wir kommen gut voran: Wechsel des Planetengetriebeöl inkl. neuer Dichtung, Motorölwechsel, Auspuff vom Tankhalter wegbiegen, Ölprüfstab reparieren (konnte man komplett aus der Ölwanne ziehen), neue Lenkmanschette und einmal komplett Abschmieren. Kostenpunkt:  160 Euro für ca. 10 Stunden Arbeitszeit inkl. Material (allein 60 Euro für das gar nicht notwendig teuer Castrol-Motorenöl).
An den anderen Tagen tausche ich unsere kleine Käfer-Hupe gegen eine Kompressor-Fanfare und baue unser zusätzliches 75cm langes Drucklufthorn ein, mit dem wir wie ein Dampfer von uns aufmerksam machen können. Wichtige Vorbereitung für Indien!

geburtstagsfrisur.jpgIm Wohnbereich fehlen noch ein paar Regale zu denen wir Holz in zwei Baumärkten suchen, doch leider scheinen hier Multiplex- oder Dreischichtplatten nicht die Regel zu sein. Alles wird mit für uns völlig ungeeigneten Spanplatten zusammen gezimmert. So bleibt uns nur zu hoffen zu einem späteren Zeitpunkt fündig zu werden.
Auch die Elektronik ist noch nicht fertig – und wird sie leider auch in den zehn Tage nicht. Zum Glück sind die noch fehlenden Elemente eher Luxus, z.B. die Elektronik, die bei überschüssigem Solarstrom automatisch den Wasserboiler aufheizen kann. Bei unserer exklusiven LED-Beleuchtung hat sich bereits die zweite Steuerelektronik mit einem kleinen Rauchwölkchen verabschiedet. Ein Fehler in der Installation meinerseits. Solche Dinge lassen sich bei einmaligen Installationen leider kaum vermeiden, aber wir haben Ersatz parat und stehen Abends nicht im Dunkeln.
Wir basteln und werkeln, und alles dauert, wie immer, länger als man denkt. Kommen dann noch die üblichen Probleme hinzu, die man vorher nicht sehen konnte, ist schnell schlechte Laune angesagt.
Als ich unsere Druckluft gefederte Sitze anschließen will, kommt was kommen muss: Ich will mit einem neuen Cuttermesser ein Stück Druckluftschlauch kürzen, passe nicht auf, rutsche ab und schneide mir tief zwischen Daumen und Zeigefinger in die Hand. Esther ist schnell mit dem Erste-Hilfe-Kasten zur Stelle und verbindet mir die Hand. Wir fragen bei den Pförtnern von Goodyear nach einem Arzt. Glücklicherweise gibt es auf dem Werksgelände eine kleine Ambulanz und da ich scheinbar keine Sehne durchgeschnitten habe, lasse ich mir dort meine Wunde reinigen und mit einem Tape zuheften. Seltsam und bedauerlich, dass es erst eines solchen Ereignisses bedarf, bis ich die Sachen etwas langsamer angehe und ruhiger werde.

markt.jpgAm nächsten Tag habe ich Geburtstag und da ich nun ohnehin gehandikapt bin, entschließen wir uns mit dem Moped in die Stadt zu fahren, um mir einen Haarschnitt zu gönnen. Durch Zufall entdecken wir einen Wochenmarkt, durch den ich mit der kleinen Honda DAX rollen kann. Das Gemüse ist so günstig, dass Esther zwei große Zwiebel sogar geschenkt bekommt, da sonst nur Kiloweise verkauft wird. Wir stocken unsere Gemüsevorräte auf und wissen bald nicht mehr wohin mit all dem Essen. Nachdem in unseren kleinen Rucksack nichts mehr reinpasst, stopfe ich vorne meine Jacke voll. Das ganze muss recht witzig ausgesehen haben: Auf einem winzigen Roller zwei mit Gemüse und Obst vollbepackte Touristen. „Küçük Honda“, rufen uns die Leute grinsend zu. Ja, unsere kleine Honda, die uns Hans-Werner als Leihgabe mitgegeben hat, bereitet uns gleich auf unseren ersten Ausflügen viel Freude.

Nach ganzen zehn Tagen Parkplatz im Industriegebiet von Izmit wird es höchste Zeit zum weiterfahren. Ursprünglich war eine längere Tour durch die Türkei geplant. Durch unsere verspätete Abfahrt und weitere zehn Tage in Izmit, werden wir die Türkei nun nutzen um unser Fahrzeug endlich Reisefertig zu bekommen und steuern als nächstes Ankara an. Dort soll es ein Bauhaus Baumarkt geben. Vielleicht gibt es hier geeignetes Holz für unsere letzten Regale.

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Drei Tage Istanbul

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Silivri/Istanbul, Türkei, Kilometer 2.675
istanbul_bank.jpgEs dauert, bis wir alle losen Sachen im Wohnaufbau reisesicher verstaut haben. Es ist schon später Nachmittag. Doch für eine kleine Stärkung vom liebgewonnenen Köfte- und Çay-Stand direkt neben unserem LKW muss es noch reichen, dann wollen wir aufbrechen. Weit ist es nicht bis Istanbul, vielleicht eine Stunde, doch wir wollen sichergehen noch bei Tag dort anzukommen. Wer weiss, wo wir dort einen Stellplatz finden.
Ich sitze schon im Fahrerhaus, will gerade den Starterknopf ziehen, da ruft jemand zu mir hoch: „Kann ich irgendwie helfen?“. Ich verneine, alles sei bestens. Doch wir kommen auch ohne Problem ins Gespräch. Bekir arbeitete fünf Jahre in Österreich, wohnt nun seit 13 Jahren hier. Seit dem habe er kein Deutsch gesprochen, was ich bei seiner nahezu akzentfreien Aussprache kaum glauben mag. Er strahlt während unseres Gesprächs über beide Ohren. Ich lache zurück. Dieser Mann ist mir vom Fleck weg sympathisch. Wir erzählen, schon zwei Tage hier zu stehen, bedauerlich sich jetzt erst zu begegnen. Er möchte uns zum Essen nach Hause einladen, doch wir lehnen schweren Herzens ab. Mental sind wir schon in Istanbul, versprechen aber, sollten wir wieder über diese Route zurückkommen, uns bei Ihm zu melden. Adressen werden ausgetauscht.
Sultan Ahmet CamiiIch gebe noch ein paar Daten ins GPS ein, starte den Motor und setze langsam zurück, da kommt Bekir noch einmal zurück gelaufen, reicht mir ein nagelneues Taschenmesser durch das Fenster. Er wolle mir was schenken, es sei das einzige, was er dabei habe. Ablehnen vergeblich. Wir freuen uns über diese Freundlichkeit – und über das Taschenmesser, denn bei all den vielen Sachen die wir dabei haben, ein Taschenmesser fehlte uns. Er gibt uns noch den Tipp langsam zu fahren, je später wir in Istanbul ankommen desto besser. Dann gebe es auch keinen Berufsverkehr mehr. Ein Tipp, den wir drei Tage später fahrlässig missachten. 

Unsere Bedenken in der 10 Millionenstadt Istanbul einen Parkplatz zu finden, sind unbegründet. Allerdings parken wir an der stark frequentierten vierspurigen Küstenstraße nicht gerade idyllisch. Bei den vielen Rastplatzübernachtungen sind wir an den Lärm der vorbei rauschenden Fahrzeuge schon gewohnt und mit nur zehn Gehminuten zur Sultan Ahmet Camii, die berühmte Blaue Moschee, stehen wir zudem sehr zentral. Noch am gleichen Abend gehen wir auf Streifzug. Hell erleuchtet ist die Blaue Moschee auch nachts ein Besuch wert. Wir wundern uns, dass die Pforten erst um 21:00 Uhr schließen und genießen die abendlich ruhige Atmosphäre in den heiligen Gemäuern.
sultan_ahmet_camii.jpgWir bleiben noch zwei weitere Tage, bummeln durch die Straßen und besuchen den Kapalı Çarşı, den großen (überdachten) Basar. Bekir aus Silivri beteuerte uns, „In Istanbul gibt es alles!“ und er hat recht. Tücher, Schuhe, Lampen, Schmuck und allerlei handgefertigtes laden zum Kauf ein, aber vor allem die Gewürze und getrocknete Früchte haben es uns angetan. Am liebsten säckeweise würden wir sie einpacken, die Kichererbsen in allen Variationen, Sonnenblumen- und Kürbiskerne, Mandeln, Walnüsse, Maulbeeren, Datteln, Feigen, Aprikosen und vieles mehr! Unglaublich lecker und vergleichsweise günstig, aber wir halten uns zurück. Im Gegensatz zum üblichen Dreiwochen- Urlaub, können wir es uns nicht erlauben Großeinkäufe zu tätigen. Unser Budget für die gesamte Reise ist hart kalkuliert: 20 Euro pro Tag für Essen und „Taschengeld“ dürfen wir maximal ausgeben. Die Kosten für Diesel sind darin nicht enthalten, aber durch die Autobahngebühren, die sich bis Istanbul auf 200€ summiert haben, betragen unsere täglichen Ausgaben im Schnitt bis jetzt fast das Doppelte. Dennoch gönnen wir uns ein paar Leckereien, die wir genüsslich Abends im LKW knabbern.

 

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img_4072.jpgStets auf der Suche nach besonderen Fotomotiven entdecken wir ein besonders schönes Teppichgeschäft. Finden wir hier den berühmt berüchtigten türkischen Teppichhändler? Wir erklären, zwar keinen Teppich kaufen zu wollen, hingegen aber gerne ein paar Fotos schießen würden und werden überraschend herzlich empfangen. In Ruhe darf ich fotografieren. Motive gibt es genug, auf drei verwinkelte Stockwerke liegen und hängen die kostbar gewobenen Schätze, dazwischen, wohl selektiert, einige antike Möbel. „Feel like at home!“ – aber gerne doch! Die unzähligen Stoffe erzeugen eine seltsam gedämpfte Akustik. Alles strahlt eine unglaublich beruhigende Atmosphäre aus. Im Keller spiele ich mit dem spärlichen Licht, welches mir zum fotografieren zur Verfügung steht. Wieder einmal bekommen wir türkischen Tee angeboten. Wir setzen uns auf ein gemütliches Sofa und werden Zeuge eines langwierigen, aber spannenden Verkaufsakts: Ein junges asiatisches Pärchen, wir vermuten aus Korea, scheint reges Interesse am Kauf eines Teppichs zu haben. In regelmäßigen Abständen lässt Hüseyin, der Chef des Hauses neue Teppiche herbei holen und breitet sie demonstrativ auf dem Boden aus. Die Asiatin kriecht darauf herum, streicht mit der flachen Hand genüsslich darüber. Sie scheint das Hauptinteresse zu haben, ihr Mann hingegen sitzt etwas abseits, in der Hocke, umklammert sein kleines türkisches Teeglas. Dann fliegt erneut ein Teppich durch den Raum. Hat sich die Ware in der Mitte des Raumes zu einem kleinen Berg angehäuft, wird bis auf ein paar Exemplare alles weggeräumt und die Prozedur beginnt von Neuem. Die Koreaner reden so gut wie kein Wort, nur Hüseyin, selbst auf den Teppichen liegend, preist mit ruhiger Stimme und kurzen Sätzen die Ware. So liegt eine seltsam knisternde Anspannung im Raum, die nur durch das Ausbreiten und offerieren neuer Teppiche durchbrochen wird. Im Hintergrund spielt leise orientalische Musik. Mich wundert, dass kein einziges mal Preise genannt werden. Alles scheint System zu haben, jedoch steige ich nicht dahinter, aber ich bin auch kein Teppichhändler. Lediglich das es einen bestimmten Favoriten gibt, kristallisiert sich für mich heraus. Doch selbst nach über einer Stunde Teppichkrimi ist für uns nicht ersichtlich, ob ein Kauf kurz bevor steht – oder eben nicht. Wir genießen es die Zeit zu haben diesem Treiben so lange zuschauen zu können und sind erstaunt über die Geduld von Hüseyin. Dann plötzlich die Entscheidung, ein definitives „No“ von der treibenden weiblichen Kaufkraft aus Fernost, besiegelt einen schlechten Tag für die Teppichhändler. Wir bleiben noch bis die Asiaten das Geschäft verlassen haben und erfahren, dass das Pärchen bereits seit vier Tagen täglich mehrere Stunden zu Besuch war. Nachdem ich den Preis für den favorisierten Teppich erfrage, erklärt sich für mich, warum der asiatische Mann bisweilen den Eindruck erweckte, die Teppiche würden beißen: 25.000 Euro sollte das Sammlerstück kosten sollen. Da hätte ich auch gesagt, das Flöhe drin sitzen und wäre stattdessen lieber ein Jahr auf Weltreise gegangen 😉
Am nächsten Tag beschließen wir, dass dieses Erlebnis ein Eintrag in unser Reisegästebuch wert ist und lassen uns ein paar nette Zeilen eintragen.

istanbul_picknik.jpgEs ist Sonntag. Wenngleich das Wochenende hier nicht so arbeitsfrei ist wie bei uns in Deutschland, so ist dies doch der Tag an dem die meisten Menschen Zeit mit Ihrer Familie verbringen. Bei gutem Wetter zelebrieren die Türken dieses Zusammentreffen gerne ausgiebig in öffentlichen Parks. Auch zwischen der Küstenstraße und dem Meer befindet sich ein solcher Grünstreifen. Nach und nach strömen immer mehr Menschen aus der Umgebung dort hin, setzen sich auf große bunte Decken. Kinder rennen auf den Gehwegen, spielen Ball oder Fangen. Frauen schneiden Gurken und Tomaten, Männer feuern den mitgebrachten Grill an. Ich bin überrascht, welche Massen an Fleisch sich auf diesen Miniturexemplaren rösten lassen. Das ganze ist im Prinzip nichts anderes als eine kollektive riesige Grill-Party.
Da wir uns einen möglichst intensiven Kontakt mit den Menschen vorgenommen haben, finde ich Esther plötzlich mitten in einer Kurdenfamilie wieder. Sie sitze im Kreis mit jungen Frauen und lacht. Ich werde von den älteren Männer direkt eingewiesen: Frauen dort, Männer hier – „Türkisch“. Alles klar, kein Problem, ich nehme auf der Decke bei den Männern platz. Generell halten wir uns mit gegenseitigen Zuneigungen seit dem wir in der Türkei sind zurück. Zwar sieht man viele Frauen ohne Kopftuch, aber bis auf Händchenhalten ist in der Öffentlichkeit wenig zu sehen. Als Gäste des Landes wollen wir nicht unangenehm auffallen. Wir sehen genug missachtende Touristen, die selbst bei den noch frühlingshaft frischen Temperaturen hochsommerlich freizügig in der Stadt flanieren. Außerdem bereiten wir uns so schon ein wenig auf den Iran vor, wo wesentlich strengere Regeln herrschen.
Einer der Männer spricht wenige Broken englisch, die restliche Kommunikation erfolgt mit Wörterbuch und den wenigen türkischen Worten die ich beherrsche. Zu einer guten Unterhaltung gehört selbstverständlich auch Çay, Tee, und ich denke, ich habe in den letzten zehn Jahren weniger schwarzen Tee getrunken, als in den letzten fünf Tagen Türkei. Bald glüht auch der Grill unserer Gastgeber und kurz drauf gibt es Fleischspieße, Brot, gemischter Gurken und Tomatensalat und ebenfalls landestypisch: Frische Peperoni. Die Zeit vergeht. Wir genießen das Essen und die Atmosphäre, doch wir möchten noch mehr von Istanbul sehen. Wir bedanken uns herzlich, überreichen noch ein schnell ausgedrucktes Foto, bevor wir wieder aufbrechen.
istanbul_nacht.jpgAls wir am Abend aus der Stadt zurückkommen, liegt dicker Dunst über der Grünanlage und neben dem Alltagsstress, den die Einheimischen hier zurückgelassen haben, türmen sich auch die Abfälle, die mangels fehlender Mülltonnen überall in Plastiktüten verstreut herumliegen. Doch am nächsten Morgen ist davon nichts mehr zu sehen. Nachts scheinen Reinigungskräfte wie die Heizelmännchen alles wieder in Ordnung zu bringen. Insgesamt erleben wir die Türkei, im deutlichen Unterschied zu den zuvor durchreisten Balkanländern, mit zahlreichen wilden Müllkippen, als sehr sauberes Land. Auch die quasi nicht vorhandene Toilettenkeramik, die im Prinzip nur aus einem Loch im Boden mit eingebauter Spülung besteht, hat seine Vorteile, da nichts berührt werden muss. Die ganz typischen Installationen komplett ohne Toilettenpapier, mit einem kleinen Wasserhahn und Becher, erfordern allerdings ein wenig Umgewöhnung in der Anwendung…

Drei Tage Istanbul sind schnell vorbei. Uns hat es sehr gefallen, besonders wenn man bedenkt, dass wir keine Großstadtfans sind. Wir werfen den Diesel an, es geht weiter nach Izmit. Dort wollen wir eine Goodyear Fabrik besuchen und einige Dinge erledigen.